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Berlin
- Menschen, Geschichten, Locations |
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Berliner Salonkultur |
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Von Perlhuhnbrust bis Podewil |
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Hilde Meier
Die Berliner Salonkultur boomt. Kaum geht ein Salon ein, schießen zwei neue aus dem Boden. Geistreiche, zumeist blonde Salonièren lenken die gepflegten Gespräche. Reicht bei Britta Gansebohm schon eine Eintrittskarte, wird im "Berliner Zukunftssalon" handverlesenen jungen Führungskräften nur mit persönlicher Empfehlung Eintritt gewährt. Die "Surfpoeten" und "Theodoras Literatursalon" sind im Netz allen zugänglich, ihre Betreiber bleiben oft virtuell.
In der neuen Berliner Salonszene sind wieder treibende, kulturell bewegende Kräfte am Werk. In ihnen wird Neues gedacht und besprochen, aber es geht auch um Geschäfte, Intrigen und Kontakte, um Sehen und Gesehen werden. Damit knüpfen sie an eine jahrhundertealte Tradition an, die für tolerante Atmosphäre und halb-öffentliche Kulturpolitik steht...
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"Zukunftsgespräche" an Straußenfilet |
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Wer seinen Koffer nach Berlin geschafft hat, jung ist und eine Empfehlung in den "Berliner Zukunftssalon" hat, braucht sich um nicht mehr viel zu sorgen. Seit 1999 erleichtert der "Zukunftssalon" durch sein exklusives "Networking" Neuankömmlingen aus Bonn, München und Frankfurt den Hauptstadt-Start. Viermal im Jahr freuen sich junge Bundestagsabgeordnete, Art Directors und frischgebackene Gründerinnen über die Einladung in die exquisite "Möwe" im Palais am Festungsgraben. "Wir bringen die Richtigen zusammen", glaubt Bettina Pohle, promovierte Literaturwissenschaftlerin und First Lady des Salons. "Der Salon hat sich sehr etabliert", betont sie, "im Laufe der Zeit ist er etwas Familiäres geworden, ein sehr vertrauter Kreis, aber offen für neues Blut."
Ihren Veranstaltungen legt die Salonière ein straffes Korsett an: Mit dem Aperitif beginnt das Kennenlernen. Punkt acht Uhr wird gegessen, Punkt neun abgeräumt. Das Personal der "Möwe" ist gebrieft. Junge Professoren, Edelfedern und Insider aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medien schüren mit knappen, anspruchsvollen Impulsreferaten das Debattenfeuer. Dann wird diskutiert über Themen wie die "Spannungsfelder der Zukunft" oder die "Sicherheit moderner Gesellschaften", bitte lebendig, aber mit Wortmeldung. Um 22 Uhr 30 ist Schluss, Zeit für einen Absacker und mehr: open end. "Es gilt, im Austausch zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur mehr miteinander zu reden, als übereinander", erklärt die erfolgreiche Salonière und ehemalige Event Coordinatorin, die lange Jahre in Amerika gelebt hat. Oft nehmen daran bis zu 60 Menschen teil. Zu ihrer großen Freude hat sich der Frauen-Anteil am Salon verdoppelt. Dies sei nicht ihr Verdienst, wehrt sie ab. "Auch in der Wirtschaft haben Frauen vermehrt den Weg in die Führungsetagen gefunden." Diese Tatsache deckt sich mit ihrer persönlichen emanzipatorischen Haltung.
Doch wie agieren "Mikrokosmos" und "Trend-Seismograf für wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen"? Der Lenkungskreis mit Geschäftsführer, Salonière und Sponsoren sorgt für Einladung, Sitzordnung und Themenwahl. Zehn Sponsoren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur finanzieren den "Zukunftssalon". Darunter Infineon, Nord/LB, UPS, SAP und Duales System Deutschland. Doch über Geld spricht man hier nicht. "Im Gegensatz zur Tafelrunde geht es beim Jour Fix ungezwungener zu", beruhigt sie mit einem Lachen. Und in den Debatten kann jeder frei von der Leber weg sprechen, ohne Angst, dass sein Diskussions-Beitrag am nächsten Tag in der Zeitung steht - oder im Internet.
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Live-Lesung aus dem Podewil |
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Vor Öffentlichkeit hat Pohles Kollegin Britta Gansebohm keine Angst. Im Gegenteil. Per Webcam lässt sie aus dem Podewil, dem ehemaligen Haus der jungen Talente in Berlin Mitte, ihren Literarischen Salon ins Internet übertragen. Der Salon nimmt schnell gefangen. Gebäck und Blumen stehen auf den Bistrotischchen mit grünen und roten Samttischdecken. Alle Tische sind besetzt, die Gesichter offen, die Atmosphäre ungezwungen.
Die zweite Reihe macht einen langen Hals, um einen Blick auf die schöne Salonière zu werfen. Obwohl nur 1,62 cm groß, steht sie in Hosenanzug und roten Pumps im Mittelpunkt. Autor Tilo Köhler wird neben der Salonlöwin zunächst kaum bemerkt. Charmant, mit wenigen Sätzen eröffnet Britta Gansebohm den Salon. Die Gäste haben Eintritt bezahlt, einzige Voraussetzung, um hier teilzuhaben. Dann liest der Tilo Köhler aus seinem neuen Werk "Sie werden platziert! Die Geschichte der Mitropa".
"Ich habe Lust, Menschen zu treffen, ihre Ansichten interessieren mich", sagt Britta Gansebohm. Ihr unkonventionelles Forum für jungen Autoren steht allen interessierten Zuhörern offen. Kurz nach der Lesung beginnt das Plaudern auf der Couch. Seit 1995 betreibt sie mit großem Erfolg den ersten öffentlichen literarischen Salon. Sie ist erste Vorsitzende der Berliner Literaturfestivals. Ihr Salon bildet eine Brücke zwischen Off-Szene und etablierter Literatur.
Wahrscheinlich deshalb ist er seit Jahren eine Top-Adresse für die neue deutsche Literaturszene. Alexa von Henning-Lange, Judith Herrmann und Helmut Kuhn haben hier gelesen. Sie brauchten auf den Erfolg nicht lange warten. Viele hier sind mit der Salonière Britta Gansebohm befreundet. Einige kennen die 42-jährige ausgebildete Schauspielerin und diplomierte Theaterwissenschaftlerin noch als Studentin von der Uni. Mancher erinnert sich an die schlanke, blonde Britta Gansebohm als Disco-Türsteherin in Kreuzberg. Ganz nonchalante Gastgeberin geht sie von einem Grüppchen zum anderen. "Es gefällt mir, wenn unter meinen Gästen Gemeinschaftsprojekte, Freundschaften oder sogar Liebesbeziehungen entstehen", sagt sie. Sie bedauert, dass die Geschichte der Salons, "eine des Aufblühens und Vergehens" ist. Ihrer besteht bestens. Seit mehr als fünf Jahren. Sie verrät ihr Erfolgrezept: "Man muss viel Liebe und Energie haben, um das zu machen." Gansebohms Vorrat scheint unerschöpflich.
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Salons im Netz |
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Im Netz trifft man sie alle. Im Unterschied zu herkömmlichen Salons braucht man in den virtuellen weder Couch noch Krawatte. Diesen Salon besucht man von zu Hause aus. Der Besucher zahlt kein Eintrittsgeld und braucht keine Beziehungen. Er muss den Wein alleine trinken. In den Netz-Salons tummeln sich alle, die Rang und Namen oder es mit Fleiß und Spucke geschafft haben, bei Google ganz oben zu stehen. So wartet im bescheiden layouteten "Theodoras Literatursalon" die smarte Katrin Girgensohn auf klickende Gäste. Man kann ihr aber auch wirklich begegnen: Sie ist Initiatorin des "Gespinste-Salons" im Berliner Cafe NIL und tritt im "Ersten Berliner Schreibsalon" in der Knorre in Friedrichshain auf.
Im gediegenen virtuellen "Berliner Zimmer" findet man alles Wissenswerte über historische und aktuelle Salons im Netz, auch Frauenforschung. Die "Surfpoeten" dagegen, ein Salon frecher Jungpoeten, wirbt für die Lesungen ihrer männlichen Techno-Autoren. Der "Club der polnischen Versager" lädt ins Ungarische Haus zum "MitOst-Salon", ein Club für den Kulturaustausch in Ost- und Südeuropa. Der "Journalistinnenbund" wiederum bittet zu Frauenstammtisch und Fachvortrag. Der "Perlentaucher", ein längst sehr etabliertes und kommerzielles Medium, kocht das Feuilleton seriöser deutscher Tageszeitungen ein. Der "Blaue Drache" hat eine Pannen-Pause, ist aber bald wieder online.
Online gibt es Salons in allen Formen. Die einen stehen nur im Netz und sind unter E-Mail zu erreichen. Dies ist Variante Nummer eins. Andere sind semi-öffentlich und bedürfen der persönlichen Einladung oder Empfehlung. Das ist Variante Nummer zwei. Zutritt für jedermann bietet Variante drei. Und die exclusiven, geheimen Salons, Variante vier, verweigern sich dem Netz. Sie arbeiten mit der seit Ewigkeit bewährten Methode: Mundpropaganda. Salons gibt es viele. Aber Achtung, nicht überall, wo Salon drauf steht, ist auch wirklich Salon drin. |
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20.02.2003 |
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© by dieberlinerin 2003 |
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