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Kult
- Zeitgeist, Kunst, Unterhaltung |
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Interview mit der Künstlerin Patricia Waller |
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Häkeln statt Schweißen |
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Jens Stuller
Die gebürtige Chilenin Patricia Waller kam mit sechs Jahren nach Deutschland. Nach der Schulausbildung studierte sie Malerei in Nürtingen und später Bildhauerei in Karlsruhe, wo sie jetzt lebt und arbeitet. In Anschluss an ihr Studium gewann sie als Auszeichnung für ihre Arbeiten Stipendien in Genf, Chicago und Paris. Weltweit fragen Galerien an, um ihre gehäkelten Kunstobjekte ausstellen zu dürfen. Wie kam es dazu?
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Häkelgarn statt Schweißnaht |
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Wie kamen Sie zur Häkelkunst? Als Künstler ist man daran interessiert, sich aus der Masse von Künstlern abzuheben. Ich versuche das über Wolle als Material. Es ist ein Material, das in der Kunst bisher kaum einen Platz hatte. Ich umhäkele reale Gegenstände oder benütze eine Basis aus Holz oder Styropor. Es hat mich oft gewundert, dass noch niemand Häkeln als Herstellungsform genutzt hat.
Sie kommen aber aus der Bildhauerei? Bei Bildhauerei stellen sich alle vor, dass man Steine klopft. Das stimmt so nicht. Man müsste dieses Fach umbenennen in Objektkunst. Es geht eben hauptsächlich um dreidimensionales Arbeiten. Ich habe früher viel mit Gips oder Holz gearbeitet. Die Objekte sind allein schwer zu transportieren. Der Studiengang war früher sehr männlich geprägt. Irgendwann hatte ich genug davon, meinen Mann zu stehen. Ich dachte, es müsste genügen, wenn ich "meine Frau stehe".
Und wie sah das aus? Zuerst habe ich mich mit den verschiedenen Handarbeitstechniken beschäftigt, also Weben, Stricken und Nähen. Ich habe mich fürs Häkeln entschieden. Gesellschaftlich besitzt Häkeln das angestaubte Bild von Klorollenhütchen auf Hutablagen. Mit diesem Image spiele ich ganz gern. Als Kunstform hat das erst einmal einen minderwertigeren Touch. Bronze oder Stein werden als wertvolleres Material gesehen. Ich stelle damit aber auch die Frage: Warum soll es wertvoller sein, wenn man schweißen kann? Warum ist Häkeln minderwertiger? |
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Unabhängigkeit mit Häkelnadel |
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Wollen Sie mit Ihrer Kunst gegen männliche Werte angehen? Nicht vordergründig emanzipatorisch. Aber ich habe überlegt, ob man als Frau vielleicht eine andere Form von Bildhauerei finden kann. Es waren mir aber auch praktische Aspekte wichtig: Sobald ich eine Arbeit schweiße oder zusäge, brauche ich immer eine Steckdose und womöglich einen teuren Maschinenfuhrpark.
Und dann begannen Sie zu häkeln... Genau, ich wählte die Häkelnadel. Damit bin ich sehr unabhängig. Ich kann immer arbeiten, egal ob ich für den Aufbau einer Ausstellung im Zug nach Hamburg sitze oder im sommerlichen Park.
Was bedeutet Ihnen Wolle als Material? Wenn ich etwas aus Holz mache und es hinterher bemale, dann negiere ich das Material zugunsten der Farbe. Bei Wolle sind Farbe und Material verbunden. Es gibt die unterschiedlichsten Qualitäten und Farben. Auch gibt es Wolle in einer Vielzahl von Strukturen von fusselig fein bis glänzend und grob. |
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Hausfrauenkunst in die Galerien |
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War es für Sie schwierig, die ungewöhnlichen Kunstwerke auszustellen? Es war am Anfang etwas schwierig. Ich bin speziell von meinen männlichen Kollegen sehr belächelt worden. Da machst du doch Hausfrauenkunst, war meist ihr Kommentar. Ich stieß auf großes Unverständnis und es hat eine Weile gedauert, bis meine Arbeit ernstgenommen wurde. Dann hatte ich die ersten Ausstellungen hier in Karlsruhe und in Baden-Baden. Wichtig war mir dabei auch, mich von der Künstlerin Rosemarie Trockel abzusetzen, die damals große Strickbilder ausgestellt hat. Ich denke aber, dass es mir gut gelungen ist, eine eigenständige Arbeit zu entwickeln.
Und wie kamen Sie an die Galerien? Die Galerien kamen auf mich zu. Wenn auch zunächst durch kritische Äußerungen von anderen Künstlern, hatte ich sehr bald durch meine unkonventionelle Art, mit Kunst umzugehen, viel Aufmerksamkeit.
Was ist Ihnen an Ihren Arbeiten wichtig? Mir ist die Ironie und der Humor in meinen Arbeiten sehr wichtig. Wenn der Betrachter durch ein Lächeln Zugang zur Arbeit bekommt, ist der Bann gebrochen. Man wird aber bemerken, dass ich keine platten Jokes produziere, sondern dass inhaltlich oft sehr ernste Themen bearbeitet werden, wie zum Beispiel das Tabuthema Krankheit oder die bedenkenlose Manipulation der Natur. In Deutschland ist es leider häufig noch so, dass Kunst bierernst sein muss, um akzeptiert zu werden. |
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Sechs Knäuel für grüne Aliens |
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Wie viel Garn haben Sie bisher verhäkelt? Das werde ich oft gefragt. Ich kann es Ihnen nicht sagen, aber die Weltkugel habe ich noch nicht eingehäkelt. Aber es waren so an die 1000 Wollknäuel.
Wie viel Garn brauchen Sie für einen gehäkelten Alien? Für einen kleinen grünen Außerirdischen brauche ich circa sechs Knäuel. Ein Knäuel wiegt 50 Gramm und hat eine Lauflänge von etwa 150 Meter.
Haben Sie ein Lieblingsobjekt? Also, das wechselt, je nachdem, an welchen Werkgruppen ich gerade arbeite. Die Themen, die ich bearbeite, haben meist einen gesellschaftlichen Bezug wie zum Beispiel die Arbeit über Organspenden. Andere Serien heißen: Handicap, Computergames, Do´nt kill your idols oder Deadly diseases. Mir ist die Arbeit, die gerade entsteht, am wichtigsten und am wertvollsten. Es gibt natürlich Dauerbrenner. Eine Arbeit ist dann gut, wenn sie auch nach Jahren noch bestehen kann und von mir für gut befunden wird. Im Moment arbeite ich an der Serie: How to kill your first love. Dazu habe ich einen Teddy gehäkelt, der einen ganz dicken Pfeil in der Stirn hat, an dem das Blut heruntertropft. |
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25.02.2003 |
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© by dieberlinerin 2003 |
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