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Kult
- Zeitgeist, Kunst, Unterhaltung |
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Die Beerdigung als Fest |
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Hitparaden-Musik auf dem Friedhof
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Ute Bahns
Die Zeiten ändern sich. Der Umgang mit dem Tod ändert sich. Die altbackenen Beerdigungszeremonien werden revolutioniert. Trauernde trösten sich mit bunten und kreativen Beerdigungsfeiern. Särge und Friedhöfe sind im Wandel.
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Sekt zur Abschiedsparty |
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Nebelschwaden ziehen durch die Straßen Neuköllns. Am Ende der dunklen Straße steht ein altes Herrenhaus. Marlies-Kathrin Föllmer schiebt die schwere Eisenpforte langsam auf und klingelt an der Tür.
Ein Mann im schwarzen Anzug öffnet. Der Flur ist nur spärlich beleuchtet. An den Wänden hängen Kreuze und Jesusfiguren. Die Spiegel sind mit schwarzen Trockenblumen gespickt. Ein trister Ort, der nach Tod schmeckt. "Herzlich willkommen zur Party", die Stille wird plötzlich unterbrochen und der Pfarrer schenkt der Besucherin ein breites zahnweißes Lächeln.
Eine große Verbindungstür öffnet sich. Hundegebell und Kindergeschrei schallt Marlies entgegen. Ja, hier ist sie richtig. Drei Kinder und ein Boxer toben ausgelassen vor einem bunten Sarg, der in der Mitte des Raumes aufgestellt ist. Ungefähr 20 Menschen unterhalten sich angeregt mit einem Glas Sekt in der Hand. Einige von ihnen sitzen auf Stühlen, andere stehen um den Sarg herum und plaudern.
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Licht ins Dunkel |
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Im geöffneten Sarg liegt eine Leiche. Heute ist die Totenfeier, morgen wird die Tote beerdigt. Alle haben sie Frieda Hoppe geliebt, alle sind gekommen, um Abschied zu nehmen. In den letzten zwei Wochen sind viele Tränen geflossen. Doch: "Ein fröhlicher Mensch braucht eine fröhliche Feier", erklärt Ehemann Egon den angereisten Freunden aus dem Allgäu. Sie sind etwas irritiert von dem bunten Sarg und der lockeren Partykleidung.
Farbe ins Dunkel brachte die Sargdesignerin Marlies-Kathrin Föllmer. "Wie man gelebt hat, so soll man auch sterben", lautet ihre Devise. Was passt? Wer war die Tote? Wie war sie? - Zusammen mit der Familie werden diese Fragen beantwortet. Farbe und Motive der Sargbemalung werden festgelegt. Dann greift Marlies zu Farbe und Pinsel, und in zwei Tagen ist der wasserfarbene Sarg mit Strandmotiven fertig. Der Sargdeckel wurde mit vielen Urlaubsfotos beklebt, und in den Sarg hinein durften viele Geschenke.
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Bunte Särge als Trost |
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"Mutti war ein bisschen mollig." Mit diesen Worten schüttet Hans Westfal die Asche seiner Mutter in die neue knallrote Urne. Er freut sich, denn alles passt hinein. Die letzte Reise von Mutti geht von Berlin nach Frankfurt.
Aus ganz Deutschland kommen Menschen zur Kunstmalerin Marlies-Kathrin Föllmer nach Berlin. Sie kaufen für sich selbst oder für bereits Verstorbene knallbunt bemalte Särge und Urnen. Wunschmotive wie Landschaften, Strände, Farbkompositionen, Hobbys, Tiere oder sogar ein Titanic-Sarg mit Delfinen verdrängen das altdeutsche Sargmodell à la "Eiche rustikal".
Grenzen beim Sarg-Design gibt es keine. Jede "Holzkiste" soll die Lebensgeschichte des Toten nacherzählen. Jeder Sarg ist ein Unikat. Die Bemalung mit Acrylfarben kostet um die 1.000 Euro. Den Sarg dazu gibt es ab 600 Euro. Passend zum Sarg gibt es noch ein kleines Bild mit dem Sargmotiv. "Für Zuhause", erklärt die Künstlerin. Als Erinnerung an den letzten Weg. |
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"Dreimal Eiche rustikal" |
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Särge aus Eiche - bisher die deutsche Uniform für den Tod. "So unterschiedlich wie Menschen im Leben waren, so unterschiedlich sollten sie auch im Tod bleiben", so Föllmer. Ein schreckliches Erlebnis brachte sie darauf. Innerhalb von fünf Monaten starben drei gute Freunde. "Alle drei waren schillernde Persönlichkeiten, die ein aufregendes und kreatives Leben geführt hatten. Jeder von ihnen war auf seine Art etwas Besonderes", so die Sargdesignerin. Und deshalb darf auch dieses Besondere nicht durch den Tod platt gemacht werden.
Die Idee war geboren, und die Bildmalerin und Fotografin – mit Ausstellungen in Berlin und Dresden und einem von ihr bemalten Berliner Buddy Bär - griff zum Pinsel und machte die Särge bunt. Seit fünf Jahren ist sie im Geschäft. Nach anfänglicher Empörung und Anfeindung aus der Bestattungsbranche haben sich die Wogen etwas geglättet. "Hier ist man sehr konservativ", so die Sargbemalerin. Inzwischen aber zieht auch das größte Bestattungsunternehmen Deutschlands "Grieneisen" am selben Strang und setzt auf farbige Särge und Urnen.
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Ein Fest auf dem Friedhof |
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Aus der Stereoanlage ertönt "Baila Me" von den Gipsy Kings. Hundert weiße Luftballons fliegen auf zum Himmel. Hundert weiße Rosen fallen auf einen Sarg in der Grube. Eine bunte Schar von Menschen nimmt Abschied. - Der letzte Wille für ein letztes Fest auf dem Friedhof.
Die Regisseurin des Szenarios, Claudia Marschner, steht abseits. Sie und ihre Mannschaft haben die Fäden in der Hand, doch das Schauspiel findet ohne sie statt. "Wie es euch gefällt", so heißt es immer öfter auf barocken Friedhöfen. "Beerdigungen werden zum Event", erklärt Marschner. Sie ist seit zehn Jahren Eventmanagerin, die "erste bunte Bestatterin Deutschlands" nennt sie sich.
Ihre Aufgabe ist die "Rundumversorgung" der Toten und der Trauernden. Eben die typischen Aufgaben eines Bestatters. Und doch ist vieles anders. Denn: Auf Wunsch besorgt sie bunte Särge, gibt Anstöße für einfühlsame Grabreden und hilft bei der Musikauswahl. Sie designt den Tod. "Die Menschen sollen sich etwas trauen", meint sie. Vorbei sind die Zeiten der schwarzen Sargträger und auch die Zeiten, in denen die Kirche die Lieder und Reden vorgab.
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Traditionen werden gebrochen |
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"Eine Trauerfeier ist eine ganz persönliche Sache", erklärt Claudia Marschner. Sie plädiert für selbstgedruckte Trauerkarten sowie für private Abschiedsworte von nahen Verwandten. Mit diesem Engagement beginnt die Trauerarbeit der Hinterbliebenen und das alles zum Selbstkostenpreis. Die Bestatter, so die Event-Bestatterin, haben die Zeremonie der Beerdigung viele Jahrzehnte diktiert und den Trauernden und somit auch den Zahlenden die Freiheit der Entscheidung abgenommen. Ihr Resümee: "Viele Bestatter sind nur Abzocker." Der allgemeine Bestatter-Spruch: "Für den Toten nur das Beste" ist nur dazu da, möglichst viel Geld aus den Taschen der Hinterbliebenen zu ziehen. Niemand traut sich da nein zu sagen.
Schluss mit der falschen Pietät, sagte sich Marschner. Sie gründete ihr eigenes Unternehmen. Zwar brach die damals 26-Jährige mit den Bestattungs-Traditionen zunächst nur zaghaft: Statt Pferdekopf und Plastikblumen im Schaufenster, statt dunklen Räumen mit Flatterleuchten und Gruftatmosphäre wurden die Empfangsräume für die Trauernden hell und freundlich ausgestattet. Doch dann wurde "Ich arbeite mit Lebenden" ihr unerschrockenes Bekenntnis. Seit ihrem Umzug aus dem konservativen Charlottenburg ins lebensechte Kreuzberg gibt es keine Tabus mehr. Die Särge sind bunt, die Feiern wie sie jeder will und die Schaufenster riesengroß. Die Kunden - soviel ist garantiert - werden in lichtdurchfluteten, hellen Räumen beraten. |
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25.02.2003 |
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© by dieberlinerin 2003 |
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