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Markt - Lifestyle, Finanzen, Kaufrausch
     
   
  Kaufsucht  
  Kaufen um jeden Preis  
     
  Hilde Meier

Kaufen kann schön und teuer sein. "Nicht jeder, der übermäßig kauft, ist auch gleich kaufsüchtig", sagt Anna Kusel, Therapeutin für Kaufsucht. Aber das Phänomen nimmt zu. Im Gegensatz zu Alkoholikern fallen Kaufsüchtige in der Öffentlichkeit wenig auf, da sich die Persönlichkeit des Menschen nicht verändert. Fast ausschließlich Frauen sind kaufsüchtig. Sie finden bei den "Shopaholics Anonymus" Hilfe.
 
   
  Geld spielt keine Rolle  
     
  kaufsuechtigBeim Betreten des Hochhauses in Lichterfelde fällt zuerst derselbe süße Duft auf. So riechen die superteuren Duftkerzen von Rita Hummel, die sie in großen Mengen bei einer privaten Kerzenmanufaktur per Katalog bestellt. "Ich kaufe so gerne Kerzen ein, das gefällt mir. Viele verschenke ich an die Nachbarn." Die freuen sich zwar über die Geschenke, finden aber, dass Rita Hummel "doch etwas über ihre Verhältnisse lebt". Ihr Mann arbeitet viel und verdient sehr gut. Er ist jedoch selten zu Hause. Seine Frau darf sich kaufen, wozu sie Lust hat. Er lächelt über ihren Spleen und lässt sie gewähren. Nicht jeder, der die bunte Warenwelt liebt und gerne shoppen geht, ist kaufsüchtig. Aber rund 20 Prozent der Deutschen sind nach Untersuchungen der Universität Stuttgart-Hohenheim "deutlich" kaufsuchtgefährdet. Fünf Prozent aller Erwachsenen sogar "stark". Kaufsucht ist mit anderen Suchtformen wie Spielsucht, Alkoholismus oder Ess-Sucht vergleichbar.

Da Kaufen gesellschaftlich akzeptiert wird und in der Konsumgesellschaft sogar erwünscht ist, fällt "zwanghaftes Kaufverhalten" kaum auf und wird, wie die Therapeutin Anne Kusel aus der Praxis weiß, "stark tabuisiert". Die Sucht befällt den Menschen anfallartig. In Kaufhäusern und Boutiquen bekommt er euphorische Glücksgefühle. Kaufen schafft Befriedigung. Nach dem Einkauf vergeht der Rausch. Der Kater kommt.

 
     
  Das Loch in der Seele füllen  
     
  Kaufsucht betrifft alle Formen des Einkaufens: Direktkauf, Katalogbestellung und Onlineshopping. Liane Schmidt schleppt große Säcke Katzenfutter, Tierspielzeug, Futter in Dosen und Leckerli-Variationen nach Hause. Es sind Produkte verschiedenster Firmen, vom kleinen feinen Miezen-Menü bis zur Tierheimgroßpackung. Ihr Keller zu Hause ist gut gefüllt. Ihr Mann bekommt die Krise, wenn er zufällig daheim ist. Immer öfter gibt es Streit. Denn: Familie Schmidt hat gar kein Haustier.

Kaufzwang betrifft alle Altersstufen, alle Schichten und Berufsgruppen. Er bezieht sich auf Dienstleistungen und Warenangebote unterschiedlichster Art. Experten meinen, dass Kaufsucht aufgrund einer massiven Selbstwertschwäche entsteht. Diese entwickelt sich im Laufe eines Lebens durch eine Vielzahl von seelischen Verletzungen und Defiziten. Mit dem Kauf gönnt man sich, was man anders nicht erhält: Aufmerksamkeit, Nähe, Anerkennung. Als Stammkundin wird man bevorzugt bedient und besonders freundlich behandelt. Der Kontakt zur Verkäuferin ersetzt in vielen Fällen die Familie.

In Deutschland ist Kaufsucht kein großes Thema. In den USA schon. Dort sind "Shopaholics Anonymus" anerkannte Selbsthilfegruppen. Aus ihrer Berufspraxis kennt die Berliner Therapeutin Anne Kusel viele Fälle von kaufsüchtigen Frauen. Sie findet "eine offenere Umgangsweise mit Kaufsucht ziemlich dringlich." Eine Therapie machen jedoch nur wenig Betroffene. Dafür füllen sich die Selbsthilfegruppen. "Wir haben großen Zulauf", betont Johanna Herder, Leiterin der Selbsthilfe-Gruppe im Steglitzer Nachbarschaftsheim. Nach dem "12-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker" wird gearbeitet. Anonymität ist oberstes Gebot.

 
     
  Das böse Erwachen  
     
  Entscheidend ist der Akt des Kaufens, nicht die Ware. Oft wissen Kaufsüchtige nicht, was ihnen gefällt und was nicht. Sie packen wahllos ein, benutzen die Dinge meist nicht, verschenken sie sogar. Der "schöne Einkauf" endet oft in hässlichen blauen Müllsäcken auf der Halde. Belohnungskäufe, Frustkäufe und Schnäppchenkäufe sind weitverbreitet und durchaus "normal". Bei der Kaufsucht ist der Einkauf jedoch Lebensinhalt geworden. Die Sucht geht ihre eigenen Wege. "Was mit einem gutem Gefühl beginnt, endet oft tragisch und kann sogar ein Leben zerstören", weiß die Therapeutin Anne Kusel.

Nicht jeder, der gern einkauft, ist gleich kaufsüchtig. Und auch ist nicht jeder Kaufsüchtige hochverschuldet. Sind die Konten überzogen, wird weiter mit der Kreditkarte eingekauft. Das ist gängige Praxis in vielen bundesdeutschen Haushalten. Erst wenn die Kreditkarte gesperrt und das Konto gepfändet ist, kommt zumeist das böse Erwachen. Das Erkennen der Sucht ist das eigentliche Problem. Es kann lange dauern bis man weiß, dass man zwanghaft mit Geld umgeht und einsehen kann, es nicht im Griff zu haben. Auch die harte Arbeit an sich selbst, kann den gesellschaftlichen Absturz oft nicht verhindern. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt könnte ein Anfang sein. Die Selbstkontrolle über das Kaufverhalten wieder zu erlangen ist schwer. Bleibt der Versuch, in einfacheren Verhältnissen weiterzuleben und es sich dennoch "gut gehen zu lassen".

 
     
   
     
   
     
   
     
   
     
   
     
 
 
   
  25.02.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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  in der Berlinerin  
Wege aus der Sucht




 
  Service  
Filmtipp  

Kaufrausch
BRD, VHS, 44 Min., Farbe, 1990
Kaufsucht – Betroffene schildern das
Phänomen aus eigenem Erleben.
Experten aus Psychologie, Konsum-
und Verhaltensforschung erläutern
psychologische und gesellschaftliche
Wechselmechanismen.
Neben der Schilderung des Problems
versucht der Film aufzuzeigen, wie
Betroffene
Wege aus der Sucht finden können.

Bezugsquelle unter
www.lvr.de/kultur/mzr/medienbrief/mb011/suchtdrogen.htm

 

 
     
Selbsthilfe  
Neugegründete Selbsthilfegruppe
zur Kaufsucht


Leitung: Johanna Herder
Freitag 16-17.30 Uhr

Altes Waschhaus
Celsiusstraße 60
12207 Berlin
S-Bhf. Lichterfelde

Tel. 030-712 50 80 oder 75 47 94 75

E-Mail: waschhaus@stadtteilzentrum-steglitz.de

SEKIS
(Selbsthilfe, Kontakt und Informationsstelle)
Albrecht-Achilles-Straße 65
10709 Berlin

Tel. 030-892 66 02

E-Mail:Sekis@sekis-berlin.de

NAKOS
(Nationale Kontakt- u. Informationsstelle zur
Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen)
Albrecht-Achilles-Straße 65
10709 Berlin

Tel. 030-891 40 19


 

 
   
Beratung  
Therapie

Sozialtherapeutische Praxis
Anne Kusel (HPG)
Gestalttherapeutin
Kauf-und Beziehungssucht,
Bachblütenberatung, Alkohol, Medikamente

Tel. 030-251 18 91 (Kreuzberg)


Schuldnerberatungs-Stellen

Bundesarbeitsgesellschaft
Schuldnerberatung e.V.
Motzstraße 1
34117 Kassel

Tel. 0561-77 10 93




 

 
   
Links  
Liste der Beratungsstellen in der
Landesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung
Berlin und Beratungsstellen Brandenburg

www.insolvenzverein.de

 
   
Literatur  
Kostenlose Infobroschüre

"Was mache ich mit meinen
Schulden?" Kann beim
Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und
Jugend bestellt werden.

www.bmfsfj.de