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  Karriere in Grün  
  Geduldig beim Bohren dicker Bretter  
     
  Eva Herbst

Dem Himmel über Berlin ist Barbara Unmüßig vor acht Monaten näher gekommen: Seit ihrer Wahl zum Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung hat sie ein Büro unter dem Dach der Hackeschen Höfe in Berlin-Mitte. So behält sie einen Überblick über die Nord-Süd-Politik und das Feministische Institut der politischen Stiftung.
 
   
  In der Tradition Heinrich Bölls  
     
  Barbara UNMUESSIGSeit April 2002 sind Sie im Vorstand in der Heinrich-Böll-Stiftung. War das geplant?
Geplant war in meinem Berufsleben überhaupt nie etwas. Die Stiftung kenne ich schon länger; ehrenamtlich war ich im Aufsichtsrat der Stiftung engagiert. Mich hat besonders gereizt, dass sie in Entwicklungsländern politisch und praktisch aktiv ist. Das kommt mir sehr entgegen, denn mein gesamtes berufliches Leben habe ich den internationalen Umwelt- und Entwicklungsproblemen, also der Nord-Süd-Frage gewidmet.

Sie haben ja oft Führungs- oder Vorstandpositionen bekleidet. Was kommt nach der Böll-Stiftung?
(lacht) - So weit habe ich noch gar nicht gedacht. Meine Ziele und meine Kraft richte ich erst einmal auf die strategische und inhaltlichen Orientierung der Stiftung. Neben unseren regionalen Schwerpunkten in Afrika, Asien, Mittleren Osten und Lateinamerika stehen für mich zwei übergreifende Schwerpunkte an: Zum einen, was die Heinrich Böll Stiftung zur Auseinandersetzung die Globalisierung beitragen kann.
Zum anderen überlegen wir, was wir im Bereich Krisenprävention beitragen können. Außerdem wollen wir ein Bewusstsein schaffen, um politische und religiöse Fundamentalismen zu verhindern. Dafür sind wir zum Beispiel in Pakistan mit Partnerorganisationen aktiv.
 
     
  Starke Frau  
     
  im GespaechSie haben auch das Feministische Institut unter sich. Selbstbewusstsein von Frauen ist dort ein zentrales Thema. Sind sie eine starke Frau?
Ich selbst? Ich denke schon (lacht). Ich habe jetzt eine Führungsposition. Dabei kommt es mir aber sehr darauf an, im Team zu arbeiten. Ich gebe aber schon die Form vor und versuche inhaltlich zu prägen, wie bei dem Globalisierungsprogramm. Aber für mich heißt führen auch, Leute zu motivieren und mitzunehmen für Ideen, die ich umsetzen möchte.

Welche Charaktereigenschaften zeichnen sie aus? Was hilft Ihnen, um erfolgreich zu sein?
Ich habe großes Interesse mir politisch etwas vorzunehmen, wie bei der Globalisierungsfrage. Dabei kann ich in längeren Linien denken und weiß, dass es beim "Bohren dicker Bretter" viel Zeit braucht. In diesem politischen Sinn habe ich Geduld. Dabei lasse ich mich auch nicht so leicht entnerven oder frustrieren. Meine positive Ungeduld ist, dass ich oft Ideen habe, die ich dann schnell umgesetzt sehen will. Dennoch versuche ich kurz- und langfristige Ideen zu kombinieren. Außerdem liebe ich Kontinuitäten, auch privat. Es muss viel passieren, bis ich wütend werde und den Kontakt abbreche.

Sie wurden in einem Artikel als "konfliktfähig" beschrieben. Wie sehen sie das?
(schmunzelt) Ja, mit Sicherheit stimmt das. In unserer Arbeit geht es ja darum Position zu beziehen. Damit habe ich noch nie Probleme gehabt. Dadurch ist man auch streitbar und angreifbar. Auch innerhalb der Stiftung muss ich für meine Anliegen manchmal streiten.
 
     
  Die politische Wiege
 
     
  BoellWie kam es zu ihrem Engagement für Umweltpolitik und Globalisierungsfragen?
Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie auf dem Land und ging auf ein katholisches Mädchengymnasium in Freiburg. In meiner Familie war ich dann das erste Kind, die einen universitären Weg gegangen ist. Schon in der Schule spürte ich stark: Da ist ein Unterschied zwischen den Mädchen, deren Eltern einen akademischen Hintergrund hatten, und mir. Sie wurden besser unterstützt. Ich wollte schon mit zwölf Jahren wissen, wie man das überwinden kann und zu mehr Chancengleichheit und Gerechtigkeit kommt.

Schon früh habe ich begonnen, mich mit dem deutschen Faschismus zu beschäftigen. Ich wollte wissen, was die Gründe für die Machtergreifung Hitlers waren. Dabei haben mich auch sehr die sozialpsychologischen Aspekte interessiert, warum Menschen sich so manipulieren und letztlich unterdrücken lassen.
Außerdem wohnte ich in einem Dorf am Kaiserstuhl, nahe beim Atomkraftwerk Wyhl. Ich war auf den Demos, und in der Schule mussten wir Aufsätze dazu schreiben. Das hat auch dazu geführt, mich mit ökologischen Fragen zu befassen. Das Interesse daran ist bis heute geblieben.

Warum befassten sie sich mit Entwicklungspolitik?
Zur Entwicklungspolitik kam ich erst durch das Studium. Ich hatte mittendrin eine Krise und suchte nach Orientierungen. Durch ein Praktikum bei einer Dritte-Welt-Zeitschrift in Freiburg hatte ich endlich die Chance, mich politisch zu engagieren. Dort konnte ich mich in viele Nord-Süd-Themen theoretisch einlesen und in der politischen Gruppe konkret "hier und heute" etwas machen. Das war der Start. Mein Studium beendete ich dann schnell in Berlin mit einer Arbeit über "Frauen in der Türkei" und bekam dann meinen ersten Job als Redakteurin der Dritte-Welt-Zeitschrift in Freiburg.

Was waren Ihre nächsten wichtigen Stationen?
Von Freiburg ging es dann nach Bonn. Ich war als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abgeordneten Uschi Eid tätig. Im Anschluss daran arbeitete ich bei dem Grünen Ludger Volmer im Bundestag. Dann habe die deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen auf die große UN-Konferenz in Rio de Janeiro 1992 vorbereitet. Bereits 1990 habe ich mit Freunden eine eigene Nichtregierungsorganisation - WEED (Weltwirtschaft, Ökologie und Entwicklung) - gegründet. Ich war deren mehrjährige geschäftsführende Vorsitzende.

 
     
  Leben in Berlin  
     
  Haben Sie Zeit für Hobbies?
Dieser Job ist zeitfressend. Am Wochenende sind viele Gremien mit Menschen, die ehrenamtlich arbeiten. Ich habe auch noch einen 14-jährigen Sohn, mit dem ich etwas unternehme. Aber ab und zu treffe ich mich mit Freundinnen oder koche. Das mache ich gerne. Selten komme ich ins Kino oder ins Konzert. Ich fahre gerne mit dem Rad ins Berliner Umland und liebe die Seenlandschaften und Wälder Brandenburgs. Ab und zu gehe ich mit Freunden Segeln im Südosten von Berlin.

Ich habe gelesen, sie liegen gern auf Blumenwiesen. Wie geht das in Berlin?
(lacht schallend) Ich habe eine große Dachterrasse in Charlottenburg mit vielen Pflanzen und Bäumen. Da liege ich manchmal. Mit Blumenwiesen ist eben nicht viel inmitten Berlin.

Sie kommen aus dem idyllischen Freiburg. Was hält sie in der Großstadt Berlin?
Schon mit 19 Jahren verließ ich Freiburg, um in Berlin politische Wissenschaften zu studieren. Ich kenne die Stadt sehr gut, auch noch mit Mauer. Sie ist sehr anregend und spannend in ihrer kulturellen Vielfalt. Berlin half mir bei der eigenen Emanzipation und Abnabelung. Vor allem habe ich viel über Toleranz und Meinungsfreiheit gelernt.

 

 
     
   
     
   
     
   
     
 
 
   
  25.02.2003  
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