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| Junge Frauen in Irkutsk | ||||||
| "Was bedeutet mir Glück?" | ||||||
| Holger Jens Karlson | ||||||
| Irkutsk, 500 000 Einwohnerstadt und ehemalige Hauptstadt Sibiriens, liegt am Strom Angara und 60 Kilometer vom Baikal entfernt. Die Bevölkerung ist jung, was nicht zuletzt an den sieben Universitäten liegt, die Studierende aus ganz Sibirien und dem Fernen Osten anzieht. Junge Frauen berichten über sich und wie sie leben. |
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| Die Tochter des Generals | ||||||
Inna ist 25, blond, hübsch und hochgewachsen. Sie kommt aus dem zentralrussischen Städtchen Tambov, 3.000 Kilometer von Irkutsk entfernt. In Irkutsk hat sie Sprachen studiert. Inna ist Tochter eines russischen Generals und gehörte bis vor kurzem zu den privilegierten Sibirierinnen. Sie ließ sich schon mal mit Karosse und Chauffeur zur Uni bringen. Doch dann kam ihr Vater unter ungeklärten Umständen ums Leben. Seit dem ist alles anders. Inna trägt jetzt allein die Verantwortung für die Familie: für ihre Mutter, die noch sechs Jahre auf die Witwenrente warten muss, und für ihre jüngere Schwester.
"Die typische russische Frau hat drei Kinder, eines davon ist ihr Mann", sagt sie leise lächelnd und fügt hinzu: "Das ist schon immer so gewesen." Aber anders als zu Sowjetzeiten muss sie nun nicht nur den Haushalt schmeißen, sondern unter Konkurrenzdruck für wenig Lohn hart arbeiten. Damals, meint Inna, haben sich die Frauen von der Hausarbeit im Staatsbetrieb erholen können, zudem hatten ihre Männer gutbezahlte Arbeit. "In unserer schweren Zeit übernimmt die Frau oftmals die Rolle des Familienoberhaupts, oft genug ist sie die Alleinverdienerin." Längst sind viele Frauen an die Grenze ihrer Belastbarkeit gestoßen. Zum Beispiel die Nachbarin: Sie lebt allein mit zwei Kindern. Ihr Mann verlor seine Arbeit, begann zu trinken und verließ seine Familie. "Das ist kein Einzelschicksal", betont die junge Akademikerin, "das ist eine Tendenz." Die Löhne sind niedrig und werden nur unregelmäßig bezahlt. So muss ihre Nachbarin nach der Arbeit auf dem Markt arbeiten, bei Wind und Wetter und klirrender Kälte. Und die sibirischen Winter sind lang und hart. Inna ist zwar unverheiratet, aber auch sie muss sich etwas dazuverdienen. Dabei hat sie Glück gehabt. Sie ist Hochschullehrerin an einer Fremdsprachenfakultät und schreibt an ihrer Dissertation. Nebenbei dolmetscht sie für sibirische Unternehmen, die von deutscher Seite mit Technik und Know-how ausgestattet werden. Da bleibt kaum Zeit für Privates, und Inna macht keinen Hehl daraus, dass sie darunter leidet. |
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| Die "Businesslady" | ||||||
| Die ehemalige Studentin Anja ist jetzt Unternehmerin im Holzhandel. Die Russen sagen "Businesslady" dazu. Doch anders als in Westeuropa hat Anja ihre Karriere nicht langfristig geplant. "Ich hätte mir ein ruhiges, harmonisches Familienleben vorstellen können und eine gutbezahlte Arbeit in einem staatlichen Betrieb."
Jetzt leitet sie ihren eigenen: Aus den Resten der zerfallenden Kombinate und unter Verwendung von Kontakten aus Sowjetzeiten. 15 Arbeiter sind bei ihr fest angestellt, darunter auch ihr Mann Oleg, der die Buchhaltung führt. Mit natürlicher Autorität dirigiert Anja ihn wie die gesamte Belegschaft. Und Oleg wird auch schon mal ein wenig handgreiflich, wenn es Schwierigkeiten mit den Arbeitern gibt. "Die chinesischen Auftraggeber lieben keine Verzögerung", sie wollen die Holzlieferung oft "von jetzt auf sofort".
"Was bedeutet mir Glück?" Anja überlegt kurz. „Es gibt hier so ein komisches Lied: Ein Frauenglück - wenn der Mann auf Dienstreise ist und die Kinder und der Hamster bei der Schwiegermutter." Sie lächelt kurz, dann wird sie wieder ernst: "Die Familie zu lieben und von ihr geliebt zu werden. Das ist für mich Glück." Dann streichelt sie ihrem Ältesten leicht über die Haare. |
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| "Rollentausch"? | ||||||
| Neulich lief ein Film im Kulturzentrum des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). 60 russische Studentinnen und Doktorandinnen waren da. Männer keine, Fehlanzeige. Es wurde eine deutsche Verwechslungskomödie gezeigt, in der eine Karrierefrau sogar Häuserwände hochkletterte, um sich einen Mann zu angeln. Nach dem Film entbrannte eine rege Diskussion.
"Sehen Sie", sagte eine junge Doktorandin leise und fast erschrocken über sich, "die Frau da in Ihrem Film, die ist freiwillig so. Sie macht aus freien Stücken Karriere und spielt den Mann. Wir dagegen sind dazu gezwungen, von den Lebensumständen und den Männern, die apathisch auf dem Sofa liegen." Und eine Studentin ergänzte: "Bei uns gibt es doch gar keinen Rollentausch wie dort im Film aus Deutschland. Wir sind Frau und Mann in einem, wir bringen das Geld nach Hause und managen den Haushalt." Und in der Tat, das Stadtbild von Irkutsk wird überwiegend von Frauen beherrscht, sei es nun auf den zahlreichen Märkten oder in den Büros. Im Irkutsker Orchester sind fast drei Viertel der Musiker weiblich. Schulen und Universitäten werden meistens von Frauen geführt. Nur die oberste Leitungsebene ist oft noch eine reine Männer-Domäne. - Warum? Die Frauen erklären: An erster Stelle steht für sie die Familie, dann die Arbeit und dann der Freundeskreis. "Am schlimmsten", sagt eine von ihnen, "wäre es, allein zu sein, erfolgreich, aber in einer Welt von Gleichgültigkeit und Einsamkeit." Russische Frauen haben, so paradox es klingt, noch immer etwas übrig für erfolglose, unglückliche Männer. Denn erstens ist frau dann nicht so allein. Zudem bleibt ihr die wenn auch nur unbestimmte Hoffnung, ihren Mann mittels weiblicher Therapie zum Erfolg zu erziehen. So jedenfalls zeigt es eine sehr beliebte russische Tragikomödie aus den Neunzigern. Der Held von der traurigen Gestalt wird dort von der Dame seines Herzens einfach auf ihren Schoß gesetzt. Dann drückt sie ihn an ihre Brust und er muss den Satz "Ich bin ein wahrer Mann" mehrmals wiederholen. Schon läuft der Erfolg ein wie das Schiff in den sicheren Hafen. In solchen Fällen ist man als Ausländer dann doch versucht, an das Vorhandensein jener oft zitierten russischen Seele zu glauben. |
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| 25.02.2003 | ||||||
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