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| Melancholie im Kunstbad | ||||||
| Kampf ums Ende der Trockenzeit | ||||||
| Christoph Martinkat | ||||||
| Seit 1986 steht das alte Stadtbad in der Oderberger Straße leer. Eine Genossenschaft aus Anwohnern hat den Bau aus der Kaiserzeit gekauft, um ihn als Schwimmbad zu retten. Ein potenter Betreiber ist bereits gefunden, doch die Fördergelder für die Sanierung stehen aus. Damit das Denkmal nicht aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet, wird hier jetzt Kunst gemacht. Das Publikum ist begeistert. | ||||||
| "Kabuff an Kabuff" | ||||||
Ein klarer Wintertag. Im Stadtbad Oderberger Straße mit seinen vielen Säulen und Bögen ist es fast so kalt wie draußen. Ein Mann mit Arbeitshandschuhen und Wattejacke läuft geschäftig am Beckenrand entlang. Er übersteigt routiniert eine der dicken gelben Trockenluftröhren, die sich durch das alte Gemäuer schlängeln. Eine Stimme hallt, durch die Kälte leicht verzögert, über die Galerie bis unter das riesige Deckengewölbe. Von den Wänden blättert Farbe.
Im Foyer wartet Jens Neumann. Neumann ist gelernter Bankkaufmann, jetzt Student, und sitzt im Vorstand der Genossenschaft "Stadtbad Oderberger Straße". Während er aus der Geschichte der ehemaligen Volksbadeanstalt erzählt, geht es vorbei an einer grob gezimmerten und verglasten Rezeption aus DDR-Zeiten. Zwei Stühle stehen scheinbar unverändert da. Ein Hinweisschild appelliert an die "lieben Sportfreunde", mit dem Volkseigentum besonders pfleglich umzugehen. Neumann weist auf eine breite Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernen Geländer. Sie führt zur Galerie und zu den langen Gängen des Dusch- und Bädertrakts. "Kabuff an Kabuff", murmelt er beim Anblick der unzähligen Kabinen links und rechts der dunklen Flure. Verstaubte Wannen liegen kreuz und quer im Gang, unbeholfen wie Robben, so als müssten sie ausziehen und wüssten nicht recht wohin. |
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| Ort der Besinnlichkeit | ||||||
"Es war ein Ort der Ruhe und des Draufschauens", erklärt Neumann schwärmerisch, während er die beiden Türflügel zur Galerie aufstößt. Von hier eröffnete sich den Frischgebadeten der Blick: Auf die Halle mit dem großen Fenster im Süden und dem wassergefüllten Becken mit seinen türkisen Kacheln. Im Sommer haben die Anstaltsbesucher hier wohl länger verweilt, im Winter ganz sicher nicht. Wie zur Bestätigung erzählt Gastgeber Neumann, dass die Innenhöfe einst offen waren, der Belichtung und Belüftung dienten.
"Gerade im Winter waren Luft und Wasser sehr kalt. Aber das Schwimmen kam ohnehin erst in den ausgehenden Zwanzigern in Mode." Jetzt wurden die Innenhöfe überbaut, sorgten für Wärme, machten das Bad aber auch dunkel. Die Bade- und Reinigungsanstalt wurde fortan hauptsächlich als Schwimmbad genutzt. Zuletzt zu DDR-Zeiten, bis 1986 im Gewölbe und im Beckenboden Risse auftraten, die das Ende des einst so stolzen Stadtbades besiegelten. |
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| Ende der Trockenzeit? | ||||||
"Hier soll ein moderner Wellnesstempel entstehen", erzählt der Chef des Hauses, "mit Sauna- und Massagelandschaft." Mit diesem Konzept jedenfalls hat sich die Genossenschaft beim Kauf des Bades gegen einen Mitkonkurrenten durchgesetzt. Der habe ein Hotel gewollt, empört sich Neumann noch immer, mit Gastronomie im trockengelegten Becken. Die "Genossenschaft Stadtbad" hingegen will das Bad als Schwimmbad erhalten. Ein geeigneter Betreiber - ein Schweizer Badtechnikunternehmen - ist längst gefunden.
Die Sanierung könnte schon laufen. Doch das Land Berlin hält die in Aussicht gestellten Fördergelder zurück. "Ohne Fördergelder keine Darlehen. Ohne Darlehen keine Finanzierung", weiß der gelernte Bankkaufmann. Die Zeit drängt. Bis einschließlich 2007 muss die 17 Millionen Euro teure Sanierung des Stadtbads abgeschlossen sein. Andernfalls geht der denkmalgeschützte Bau an das Land zurück. Alles wäre beim Alten. |
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| Kunst im Stadtbad | ||||||
Vorerst haben Neumann und Co eine provisorische Zwischennutzung geschaffen. Die Idee: Kunst im Stadtbad. Eine Arbeitsgruppe wacht darüber, dass möglichst Produktionen stattfinden, die dem ungewöhnlichen Auftrittsort gerecht werden. Künstler und Publikum sind vom Ambiente der alten Volksbadeanstalt gleichermaßen begeistert. Wladimir Kaminer las unlängst hier. Und im Herbst gab es eine alte Radiooper mit dem Titel "Die Flut". Zufällig fiel sie mit dem sogenannten Jahrhunderthochwasser zusammen. Zuletzt gastierte das Maxim-Gorki-Theater mit Platons "Das Gastmahl". Alle Vorstellungen waren restlos ausverkauft.
"Wir können uns vor Anfragen kaum retten", berichtet Jens Neumann nicht ohne Stolz, während er die breite Treppe hinabsteigt. Um die laufenden Kosten des leerstehenden Hauses zu decken, finden hier manchmal auch kunstfremde Veranstaltungen statt. "Konferenzen", sagt Neumann geheimnisvoll, "die mit Wasser und Kunst nicht das Geringste zu tun haben." Die Mieter seien eben zahlungskräftige Kunden. Dann geht Neumann wieder an die Arbeit. "Ach", hält er kurz inne, dreht sich nochmals um: "Wenn Sie gehen, schließen Sie doch bitte die Türen. Wir kämpfen hier um jedes halbe Grad." |
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| 25.02.2003 | ||||||
| © by dieberlinerin 2003 | ||||||
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