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Thema - Schwerpunkt, Trends, Debatte
     
  Die Zivilcourage der Irmela Mensah-Schramm  
  "Alle soll'n sehen, was ich mache!"  
     
  Hilde Meier  
     
  "Wenn ich es nicht tue, wer tut es dann?", sagt Irmela Mensah-Schramm fast trotzig. Seit vielen Jahren geht sie „ohne Putztasche", den Jutebeutel mit der Polit-Aufschrift, nicht mehr aus dem Haus. Die Heilpädagogin führt ihren ureigenen Kampf gegen Rechtsradikalismus.  
     
  Die Wut ist größer als die Angst  
     
  I.Tränengas zu ihrem eigenen Schutz nimmt sie nicht mit. In der Praxis ist es unbrauchbar. Wie damals in Rudow, dem Einfamilienhausbezirk Berlins schlechthin: "Du hast ja 'ne Macke, sagte der junge Neonazi zu mir. Ich stand auf einer geborgten Leiter, um oben von einem Laternenpfahl einen Aufkleber der Nationalen Front abzulösen. Ich hatte keine Hand frei. So antworte ich nur: "Ich habe keine Macke, du hast doch Angst, weil ich immer wieder hierher komme und das weißt du." Über diesen Wortwechsel kann sie jetzt herzlich lachen. Nie aggressiv, doch immer resolut, ist ihr jedes Gespräch recht.

"Angst kann ich mir nicht leisten", sagt sie energisch, und "so richtig passiert ist mir ja auch noch nichts, außer mal angespuckt, geohrfeigt, viele Anzeigen wegen Sachbeschädigung und eine Morddrohung auf dem Anrufbeantworter." Die 57-jährige Heilpädagogin an einer Berliner Behindertenschule zieht alleine los. Aceton, Farbeimer, Schwamm, Pinsel, Spachtel und ein kleines Küchenmesser nimmt sie mit. "Alle sollen sehen, was ich mache", sagt sie ernst. Bevor sie ganze Hauswände übermalt, fotografiert sie, was sie dort vorfindet. Dabei ist ihr keine Mühe zuviel. In der S-Bahn bittet sie schon mal einen Fahrgast aufzustehen, damit sie das Hakenkreuz vom Sitz entfernen kann.

 
     
  Nahziele und Fernziele  
     
  AusstellungsplakatDas Wohnzimmer in ihrer Zehlendorfer Wohnung ist gemütlich. An den Wänden ruhige, stimmungsvolle Reisefotos aus Madagaskar. Statt einer Schrankwand stapeln sich Foto-Ordner. Zwischen Papierbergen und Zeitschriften, Ausstellungsplakaten und Ideenskizzen für ein Buchprojekt toben munter drei Katzen herum. Auf den Stadtplänen und Landkarten sind mit roten Stecknadeln alle Orte "des Geschehens" markiert: Ein rotes Feld. Alles zum Thema Rechtradikalismus. "Inzwischen habe ich 6.726 Fotos gemacht und 135 Ausstellungen vorbereitet", meldet sie stolz das Ergebnis ihrer akribischen Zählung.

Wie immer bereitet sie mit Hilfe der Freunde aus der Zehlendorfer Friedensinitiative die nächste Ausstellung vor: "Hass-Schmierereien fotografiert von Irmela Schramm", seit ihrer Heirat Mensah-Schramm. Im Januar 2003 stellt sie in der Landespolizeischule in Berlin-Ruhleben und bis Mitte des Jahres an neun anderen Orten gleichzeitig aus.

Oft fährt sie spontan los und findet intuitiv Hass-Symbole. Manche Stellen sucht sie regelmäßig nach neuen Schmierereien ab. Trotz angegriffener Gesundheit ist sie ständig auf der Suche. Das Handeln gibt ihr Kraft. An manchen Stellen war sie schon hundert Mal. Auch im Urlaub sind die "Putztasche" und der Fotoapparat immer dabei. "Ich muss sofort wegputzen, was da steht. Das ist ein innerer Zwang. Weil die Würde des Betroffenen verletzt wird, kann es dort einfach nicht stehen bleiben." Hinterher ist sie zufrieden.

 
     
  Die Öffentlichkeit reagiert  
     
  Hasswand"Das bringt doch nichts", spotteten zunächst viele über die Aktivitäten der Heilpädagogin. Und nur sehr zögerlich nehmen Presse und Öffentlichkeit von ihr Notiz. Nach langem Ringen erhält Irmela Mensah-Schramm auch offiziell Aufmerksamkeit und Anerkennung. 1996 erhält sie für ihre "Putzarbeit" die Bundesverdienstmedaille. Barbara John, die Berliner Ausländerbeauftragte, zeichnet sie 1998 mit dem "Band für Mut und Verständigung" der Initiative "Gemeinsam für Ausländer" aus.

1998 feiert sogar der Verfassungsschutzbericht von Brandenburg die mutige Kämpferin mit dem Abdruck mehrerer Fotos. Im Polizeipräsidium in Eberswalde stand ihre Ausstellung im Flur unter der persönlichen Schirmherrschaft der Polizeipräsidentin Uta Leichsenring. Liedermacher Gerhard Schöne schließlich ehrt sie mit dem Song "Die couragierte Frau". Die Bundesverdienstmedaille gibt sie am Tag des "Aufstands der Anständigen" mit Wut zurück. Anlass ist die Verleihung der Medaille an Heinz Eckhoff aus Stade, einst Mitglied der Waffen-SS und nach 1945 aktives Kreistagsmitglied der NPD.

 
     
  Die Friedens-Aktivistin  
     
  Unterricht"Mir wurde klar: Mit Nichtstun erreicht man nichts", sagt sie. Und auch auf diesem Feld wird sie aktiv. Vor allem übernimmt sie Öffentlichkeitsarbeit, wo immer sie geht und steht: Seminare, Podiumsdiskussion und Rundfunkbeitrag. Sie betreibt Bildungsarbeit an Schulen und Gedenkstätten und gibt - ganz privat - sogar im Urlaub Unterricht. Wie damals in Madagaskar. Sie nimmt ein Video über ihre Arbeit mit und hält an einer internationalen Schule spontan eine Unterrichtseinheit zu Rechtsradikalismus in Deutschland.
 
Sie nimmt teil an der Woche des ausländischen Mitbürgers in Perleberg, bereitet sich auf den 55. Jahrestag der Menschenrechte vor, würde gerne am Menschenrechtsgerichtshof Straßbourg ausstellen und im Hiroshima Museum in Japan. An Aufhören denkt sie nicht, außer natürlich, es gäbe nichts mehr wegzuwischen und "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus" wäre schon Wirklichkeit.
 
     
   
     
   
     
   
     
 
 
  25.02.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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