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Thema - Schwerpunkt, Trends, Debatte
     
  Hochbegabte Mädchen  
  Versteckte Intelligenz  
     
  Ula Brunner  
     
  Sie verstehen selbst komplexe Zusammenhänge in kurzer Zeit. Eigentlich ist die überdurchschnittliche Intelligenz dieser Mädchen ein wertvolles Talent. In der Realität entpuppt sich die Hochbegabung jedoch als Gabe mit Widerhaken. Schuld daran sind vor allem weibliche Rollenerwartungen und das bundesdeutsche Bildungssystem.  
     
  Diagnose: hochbegabt  
     
  Sie ist fünf Jahre alt, bastelt an einem 500-Teile-Puzzle und hilft ihrem siebenjährigen Bruder bei den Hausaufgaben. Clarissa B. aus Berlin-Lichterfelde ist hochbegabt. Das Kind hat einen Intelligenzquotienten (IQ) von 139. Ab einem IQ von 130 gilt ein Mensch als besonders begabt. Damit gehört Clarissa zu einer Minderheit. Auf etwa 2,3 Prozent schätzen Fachleute den Anteil hochbegabter Jungen und Mädchen, die den Durchschnitts-IQ von 100 weit übersteigen.
Sie denken schneller, analytischer, kreativer, komplexer als Normalbegabte.
 
Hochbegabung ist eine Veranlagung, ein geistiges Potential. Und wie alle Talente muss sie entdeckt und gefördert werden, um sich entfalten zu können. Und damit fangen die Schwierigkeiten an. "Nur ein Viertel aller hochbegabten Mädchen werden überhaupt erkannt", sagt Jutta Billhardt von der Hochbegabtenförderung e.V. Viele Mädchen verheimlichen ihre überdurchschnittliche Begabung. "Sie spüren, dass nicht besondere Klugheit, sondern Anpassung erwünscht ist." Grund dafür sind vor allem weibliche Rollenerwartungen und ein Bildungssystem, das auf die Durchschnittsintelligenz zugeschnitten ist.
 
     
  Rollenerwartung und versteckte Intelligenz  
     
  Mit fünf Jahren kann Clarissa bereits im Zahlenraum bis 1.000 rechnen. Wenn sie zur Schule geht, wird sie ein Jahr lang nur bis 20 rechnen dürfen. Sie wird lernen müssen, damit umzugehen, dass sie schneller lernt als ihr älterer Bruder und die Jungs und Mädchen in ihrer Klasse. Intellektuell sind Kinder wie Clarissa ihren Altersgenossen weit voraus. "Das Hauptproblem mit dem sich alle hochbegabten Kinder konfrontiert sehen", sagt Jutta Billhardt, "ist die permanente Unterforderung."

Und auf die reagieren Jungen und Mädchen ganz unterschiedlich. Jungs gehen mit ihrer Unzufriedenheit nach außen, werden hyperaktiv oder verweigern offen die Leistung. Mädchen passen sich an und spielen die eigene Begabung herab. Nicht zuletzt, weil sie auch heute noch mit Rollenvorurteilen zu kämpfen haben. In der Familie kann es Schwierigkeiten geben, wenn der Vater seiner Tochter intellektuell unterlegen ist. Und in der Schule gelten Technik oder Naturwissenschaften immer noch als Jungendomäne.

Mädchen lernen früh, dass Klugheit vielleicht bewundert wird, aber nicht unbedingt beliebt macht. "Sie verstecken ihre Intelligenz und spielen das nette, durchschnittliche Mädchen", weiß Jutta Billhardt. "Kein Lehrer käme auf die Idee, dass eine sich zurückgezogen hat, weil sie der Unterricht langweilt." Bundesweit gelten etwa 300.000 Jungen und Mädchen als hochbegabt. Aber diese Kinder scheint unser Bildungssystem vergessen zu haben. Spezielle Förderklassen fehlen, so dass hilfesuchende Kinder auf Zusatzangebote angewiesen sind. "Diese Kinder werden in der Schule massiv ausgebremst", behauptet Jutta Billhardt. "Nicht mit dem eigenen Potential lernen zu dürfen, das ist eine geistige Vergewaltigung."

 
     
  Späte Erkenntnis  
     
  Bei vielen hochbegabten Mädchen kapituliert irgendwann die Seele vor dem ewigen Versteckspielen. Psychosomatische Störungen, Essprobleme, Depressionen oder allgemeine psychische Schwierigkeiten sind die häufigsten Folgen verleugneter Intelligenz. Oft erkennen Frauen erst als Erwachsene den Kern ihres Problems. So wie Jessica G. Eine schlanke, lebhafte, junge Frau, die von sich behauptet, "eher lustig als nachdenklich" zu sein. Mit "minimaler Anstrengung" macht sie Abitur, absolviert eine Ausbildung zur Krankenschwester, studiert Sonderpädagogik. Ein ganz normales Leben - bis auf die Angewohnheit, nach dem Essen alles wieder zu erbrechen. Bulimie heißt die Ess-Störung, wegen der Jessica jahrelang in Therapie ist. Bis man ihr anrät einen Intelligenztest zu machen. Da ist sie bereits 26 Jahre alt.

"Es machte klick - mir wurde einiges klar", beschreibt Jessica G. ihre Reaktion, als sie erfährt, dass sie einen IQ von 133 hat. Sie ist erleichtert, endlich auf die Ursache ihrer Ess-Störung gestoßen zu sein. Vielen Frauen wird erst spät klar, welche Entfaltungsmöglichkeiten sie gehabt hätten. Inzwischen fönen sie vielleicht Haare wie eine Bochumer Frisöse, mit einem IQ von 139. Hochbegabt zu sein, bedeutet nicht automatisch, Karriere zu machen. "Aber diese Frauen müssen gelernt haben, ihre Fähigkeiten zu kennen und einzusetzen. Sie dürfen nicht die Anpassung verinnerlicht haben", erläutert Jutta Billhardt. Auch Jessica ist sich sicher: "Hätte ich mit 15 oder 16 Jahren meine Hochbegabung erkannt, hätte ich früher meine Linie gefunden."
  

 
     
   
     
   
     
   
     
   
     
   
     
 
 
  26.02.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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