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Kult - Zeitgeist, Kunst, Unterhaltung
     
  Pionierin der Medienkunst  
  Achselzucken und Beunruhigung  
     
  Christoph Martinkat  
     
  In den drei großen Hallen der Akademie der Künste Berlin sind bis zum 9. März die bekanntesten Exponate der Medienpionierin VALIE EXPORT zu sehen. Auf einer Fläche von über 2000 Quadratmetern haben die Ausstellungsmacher dem Enfant terrible der frühen Medienkunst einen eindrucksvollen Parcours errichtet.

 

 
     
  Strumpfband in die Haut geritzt  
     
  Body SignÜber der Treppe der Akademie der Künste hängt ein großes Plakat, von dem die junge VALIE EXPORT einen Blick herab wirft. Ihr Porträt prangt auf einer Schachtel filterloser Zigaretten, darunter ein Schriftzug in Großbuchstaben: VALIE EXPORT.
Er wurde ihr künstlerischer Markenname, hinter dem die "natürliche Person" fortan verschwand: Waltraud Höllinger, geboren 1940 in Linz.

Der schöne Oberschenkel einer jungen Frau, in den ein filigranes Strumpfband in dezentem Rot-Blau eintätowiert ist, fängt den Blick der Besucherin in Halle 1: VALIE EXPORT trägt das Strumpfband kokett in der Haut. Für sie ist es ein Zeichen des Jahrhunderte alten männlichen Begehrens und der weiblichen Fügsamkeit. Zugleich aber bricht das tätowierte Strumpfband den männlichen Blick - die späte Rache der zu sich selbst gekommenen Frau.

VALIE EXPORT begriff sich in den frühen Siebzigern als Leinwand des weiblichen Körpers. Ihre Hoffnung war es, "das Selbst der Frau vom Körper zu lösen". Heute prangt das Foto weniger als Zeichen des feministischen Aufruhrs von der Wand, vielmehr ist es ein Zeichen der hilflosen Einsicht, dass dem männlichen Wunschdenken selbst durch Einschnitte in die eigene Haut nicht zu entkommen ist.

Was bei VALIE EXPORTS "Body Sign Action" von 1970 noch ein radikales Wagnis war, ist längst modische Normalität: Fast jede junge Frau posiert heute mit einem fernöstlichen Schriftzeichen unter dem Nabel, manchmal auch als Tattoo-Brandzeichen im Nacken. Und während VALIE EXPORTS damals subversiv und ironisch wirkendes Strumpfband nur um den Preis einer entstellenden Narbe zu entfernen war, operiert der Laser heute selbst die hässlichste Jugendsünde spurlos weg.

 
     
  "Ping Pong" am Bildschirm  
     
  KameraSzenenwechsel: VALIE EXPORT lächelt scheinbar arglos von der Leinwand, eine Kamera vor dem Bauch, eine zweite auf dem Rücken. Eine dritte Kamera nimmt die Künstlerin selbst ins Visier.
Mal anmutig beschwingt, mal vorsichtig, tastet sie sich durch verschiedene Natur- und Stadtlandschaften. Die Brustkamera wirft Bilder einer vom Verkehr belebten Wiener Straße an die Wand. Die Filmkamera auf dem Rücken erfasst ein kalte, graue Häuserwand mit tückischen Ecken und Kanten.

In der Ausstellung laufen die Bilder der drei Sechzehn-Millimeter-Kameras nebeneinander: Alle in schwarzweiß. Und alles schnurrt nicht nur synchron. Während eine der Kameras gerade ein Leerbild erzeugt, laufen auf den anderen die Szenenbilder weiter. Die geräuschvolle Filminstallation beschallt den ganzen Raum - Work in Progress mahnt sie und erinnert gleichzeitig an die vergessenen Anfänge der Kinokunst.

Fest anvisiert: "Ping Pong" von 1968 ist eine der bekanntesten Video-Arbeiten der Künstlerin, lange bevor das gleichlautende Computerspiel für Commodore auf dem Markt kam. Vor dem Ping-Pong-Monitor liegen Tischtennisschläger samt Ball und Ersatzball - VALIE EXPORT lädt ein, mit ihrem Medium zu spielen. Ein schwarzer Punkt auf dem grauen Bildschirm wandert hin und her. Ziel des menschlichen Mitspielers ist es, den Punkt auf seiner Wanderung über den Monitor zu treffen. Ein ironischer "Spiel-Film", der sowohl an das Desaster der Bildstörung während eines spannenden Krimis als auch an die zermürbende Monotonie eines Squashspiels denken lässt. Dennoch: Man ist versucht, den Schläger in die Hand zu nehmen und einfach zu spielen.

 
     
  Ein Videobild wird genäht
 
     
  25 MonitoreHalle 3 beherbergt eine einzige riesige Installation. Auf 25 gleichartigen Holzhockern stehen 25 gleichartige Monitore. Auf den Bildschirmen bewegen sich jeweils zeitversetzt Nähmaschinennadeln auf und nieder. Das Geräusch der sich bewegenden Nadeln ergibt einen eigenartigen Rhythmus. Er erinnert an den einer großen Werkhalle mit Webstühlen, die niemals ganz synchron arbeiten.

Der Zahl 25 kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie entspricht der Anzahl der Bilder, die für ein einziges sekundenlanges bewegtes Videobild benötigt werden. EXPORT löst diesen für das menschliche Auge nicht wahrnehmbaren Prozess auf, in dem sie Zeit in Raum übersetzt. Zugleich verweisen die Nähmaschinennadeln auf den Konstruktions- und Illusionscharakter bewegter Bilder: Hier wird an einem Videobild genäht.

Kulisse und Szenerie löst im Betrachter ein Gefühl der Beunruhigung aus. Es führt ihn unwiderruflich zur Frage: Nach welchem Prinzip werden laufende Bilder im Sekundentakt zusammengestrickt? Er erinnert sich an effektvolle Filmsequenzen à la Hollywood, mit perfekter Schnitt-Technik und kunstvollen Überblendungen. Und er muss erkennen: Was auf der einen Seite von ihm als realer Augenschmaus empfunden wird, ist auf der andern Seite nichts anderes als eine geschickt manipulierte Konstruktion, eine Scheinwirklichkeit.  

Dagegen nehmen sich EXPORTS einst spektakuläre Körperperformances heute vergleichsweise harmlos aus: Das Wälzen in Glasscherben, das Zwängen durch elektrisch geladene Drähte, das Begrabschen ihrer Brüste durch wildfremde Männer in der Öffentlichkeit. All das reißt - den brachialen Akt der Selbstverletzung ausgenommen - niemanden mehr vom Hocker. Würde sie allerdings heute noch einmal einen Wellensittich mit flüssigem Wachs übergießen, während ihr schönes Gesicht keine Regung zeigt - zumindest die Aufmerksamkeit empörter Tierschützer wäre VALIE EXPORT gewiss.


 

 
     
   
     
   
     
   
     
   
     
   
     
 
 
  25.02.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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