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Wir - Frauen, Leben, Karriere
     
  Fussballerin mit Erfolg  
  Berlin statt Beckham
 
     
 

Christoph Martinkat

 
     
  "Erfolgreiche Spiele mit der Nationalmannschaft vor 18.000 Zuschauern. Diese Atmosphäre ist einfach phänomenal", sagt Ariane Hingst. Als Newcomerin schon mal mit dem jungen Lothar Matthäus verglichen, hat sie sportlich fast alles erreicht. Fußball, sagt Hingst, das sei einfach ihr Leben. Doch mit David Beckham möchte sie wirklich nicht tauschen.
 
     
  Lernen sich durchzusetzen  
     
  Wilhelm-Galerie in Potsdam. Café Alex. Eine junge Frau betritt das Foyer. Sie ist mit einer dunklen Winterjacke, dunkler Hose und hellen Sportschuhen bekleidet. Und obwohl sie anders als auf dem offiziellen Foto des DFB aussieht, ist sie sofort zu erkennen: "Frau Hingst?" Die junge Frau mit dem sportlichen Kurzhaarschnitt erwidert: "Haben Sie schon einen Platz gefunden?"

Ariane Hingst ist Kapitän und Abwehrchefin vom Vizemeister Turbine Potsdam. Trotz ihrer zahlreichen internationalen Erfolge wirkt sie auf den ersten Blick zurückhaltend und bescheiden. Im Gespräch taut sie auf. Ihr Ton ist freundlich. Ihre Antworten sind bestimmt, ohne dass dabei der Verdacht entsteht, sie wolle das Gespräch in eine bestimmte Richtung lenken. Gefällt ihr eine Frage, dann werden ihre dunklen Augen neugierig. Ariane Hingst beugt sich über den Tisch, sieht auf den Zettel mit den vorbreiteten Fragen. "Was steht da? Diese Frage wurde mir schon hundertmal gestellt. Meine Antworten darauf werden immer kürzer."

Dann erzählt sie, wie sie zum Fußball kam. Dass sie mit den Jungens schon früh auf dem Hof gekickt hat. "Von der E-Jugend bei Hertha Zehlendorf an, habe ich immer in Jungenmannschaften gespielt", sagt die junge Frau rückblickend. Das Spiel bei den Jungen ist einfach schneller, körperbetonter, hat mehr harte Zweikämpfe. "Man lernt es als Mädchen, sich einfach mal durchzusetzen."

 
     
  Glück haben, erfolgreich sein  
     
  Schon mit 15 spielt sie in der ersten Frauenmannschaft bei Hertha Zehlendorf und scheitert im Aufstiegsspiel zur Bundesliga. Zehlendorf 03, der Klub, in dem einst die erfolgreichen Karrieren eines Pierre Littbarski oder Christian Ziege ihren Ausgang nahmen, wird auch für Ariane Hingst zum sportlichen Sprungbrett. Mit 17 wird sie A-Nationalspielerin und mit dem DFB-Team im selben Jahr Europameisterin. Die deutschen Gazetten jubeln und erblicken in der Mittelfeldspielerin gar den jungen Lothar Matthäus.

Der unerwartete Erfolg trifft den Jungstar unvorbereitet, doch Ariane Hingst bleibt auf dem Boden. "In der Nationalmannschaft gab es einen personellen Neuaufbau", erklärt sie. "Ich hatte einfach Glück." Dabei hat Hingst von deren Existenz erst fünf Jahre früher erfahren. Im Fernsehen laufen Bilder von der ersten Frauen-Weltmeisterschaft. Ariane - damals in der 7. Klasse - ist begeistert. Ihr Entschluss steht fest, sie will in die Frauen-Nationalmannschaft. Mit 17 hat die Newcomerin ihr Ziel erreicht und wird sofort Europameisterin.

Ariane Hingst ist besessen von dem Sport inmitten einer klassischen Männerdomäne. Das war sie von Anfang an: "Mein erster Aufsatz in der Schule: Ich will Nationalspieler werden." Jetzt, mit 23, ist sie Führungsspielerin und hat schon alle Höhen des Fußballsports durchlebt. Bleiben da noch sportliche Ziele? Hingst zählt auf: Dieses Jahr Weltmeisterschaft, nächstes Jahr Olympische Spiele und übernächstes Jahr schon wieder Europameisterschaft. Überall dort will die 70fache Nationalspielerin nicht nur mitspielen, sondern aufs Podium. Wofür sich sonst so quälen? "Wer seit frühester Kindheit Leistungssport betreibt", erklärt sie ihre Motivation, "der will auch erfolgreich sein."   

 
     
  Berlin statt Beckham
 
     
  In Potsdam bei Turbine trainiert Ariane Hingst mit ihren Mitspielerinnen bis zu fünfmal die Woche. "Und das Wochenende gehört ganz dem Fußball." Oft bleibt für sie nur der Freitagabend, um sich mit Freunden zu treffen oder einfach mal auszugehen. Manchmal, verrät die bekennende Großstädterin, leide sie tierisch unter der fehlenden Freizeit, gerade im Sommer. Dann geht ihr eine einzige Frage durch den Kopf: Warum trainiere ich und schwitze vor mich hin bei 30 Grad in der Sonne? Warum sitze ich nicht mit Freunden am Wannsee oder gehe auf eine der Megapartys in der City?

Dann erzählt sie von den glücklichen Momenten ihrer Karriere: Europameisterin im eigenen Land, Olympiadritte in Sidney, Australien.  "Das", sagt Hingst, "kann mir keiner mehr nehmen." Und die Färbung ihrer Stimme verrät, sie ist für einen kurzen Augenblick noch einmal dort.
  
Dennoch, betont die gelernte Bankkauffrau, für den Fußball würde sie "nicht alles unterschreiben" und baut schon an ihrer Zukunft als Physiotherapeutin. Die Fußballerin, die sich selbst als Halbprofi bezeichnet, drückt täglich bis um vier Uhr die Schulbank, ab sechs hat sie Training. Sie träumt vom Weltmeistertitel und von einer eigenen Praxis. Dafür steht Ariane Hingst im Dunkeln auf und kehrt im Dunkeln heim. Sie brütet dann noch eine Stunde über den Büchern, bevor sie todmüde ins Bett fällt. Tag für Tag.

Erfolgreich zu spielen, erklärt die zweifache Europameisterin, das sei das eine. Ein Medienstar zu sein, ist etwas anderes. Für keinen Preis der Welt möchte sie, die in ihrer jungen sportlichen Karriere fast alles erreicht hat, mit Globalplayern wie David Beckham tauschen. "Die mögen zwar Millionen verdienen, haben aber kein echtes Privatleben mehr." Ariane Hingst hingegen liebt Freunde und Familie. Ihre Heimatstadt Berlin mag sie wegen der Anonymität und der vielen Möglichkeiten. "Du bist mittendrin im Geschehen, hast hier tausend Gelegenheiten. Du lässt auf einer Party mal die Sau raus und kein Mensch schert sich darum." Andere, sagt der Fußballstar, der sich selbst als "absolutes Großstadtkind" bezeichnet, lieben Städte wie Braunschweig, "für mich ist das nur ein Dorf".

 
     
  "Mädels, denkt an Praunheim"  
     
  Während Ariane Hingst von ihren größten Erfolgen spricht, erinnert sie sich an die kleinen. Da war damals Praunheim. Die Mannschaft, die jetzt FFC Frankfurt heißt und seit Jahren Serienmeister ist. Turbine Potsdam dümpelte im Mittelfeld herum, nicht gut, nicht schlecht, so lala. "Wir fahren also nach Praunheim", erzählt Ariane Hingst, "liegen schnell 0:4 zurück." Dann passiert das Unerwartete: "Nach der Halbzeit kamen wir heran: 4:1, 4:2... 4:4, und fast schießen wir in der Nachspielzeit das Fünfte." Die dunklen Augen der jungen Frau beginnen zu leuchten. Ihre Stimme bekommt etwas Schwärmerisches. - Man fühlt, dieses Spiel ist legendär gewesen. Schade nur, dass heute eine Fußballlegende nur dann zur Legende wird, wenn sie genügend Medieninteresse begleitet.

Die Fußballerin Hingst kennt noch eine andere Geschichte: Es ist Weltmeisterschaft. Sie schläft schlecht, isst morgens nichts, fühlt sich schlapp. Dann ist lockeres Training - wie vor jedem Spiel - zwei gegen fünf. Schließlich geht es zurück zum Hotel, bevor es wirklich losgeht. - Und dann? - Die gesamte Mannschaft bleibt im Hotellift stecken, eine dreiviertel Stunde lang, während draußen im Stadion die Italienerinnen auf ihre deutschen Gegnerinnen warten. "Dabei habe ich ein bisschen Platzangst", verrät die sympathische Frau, die keine anderen Ängste kennt.

Endlich sei es losgegangen, das Lampenfieber weg gewesen, wie weggeblasen. "Nur noch Spannung und Vorfreude", sagt Ariane Hingst, die den Fußball so liebt und ihr Leben gerne lebt. Fehlt nur noch: Sie hat das entscheidende Tor geschossen.

 
     
   
     
   
     
   
     
 
 
  25.02.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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