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Markt - Lifestyle, Finanzen, Kaufrausch
     
  Kreativmode  
  Historisch gewendet  
     
  Eva Herbst  
     
  Mit historisch angehauchten Roben oder neu gestylter Secondhandmode entzücken die Berliner Modedesigner "Werkmeister". Die Kreationen des Trios sind nicht nur in ihrem Laden an der Oranienburger Straße in Berlin Mitte zu bewundern, auch auf einem Modefestival in Hongkong oder in Berlins KaDeWe sorgen sie für Aufsehen. Ihr Geheimrezept verdanken sie der avantgardistischen Londoner Modedesignerin Vivienne Westwood: Recherche in der Geschichte und handwerkliche Perfektion - das führt zu neuem Style.
 
     
  Gestylte Modestücke  
     
  Schnee und Zitrone liegen im Schaufenster aufeinander. Puppen mit Pelzjacke und Unterhose, umkränzt von Rosensträuchern ergänzen das Bild:  "Wir haben alle vier Jahreszeiten zusammen gepackt!" Martina Fuchs lacht. Das "Werkmeister"-Trio will sich absetzen gegen den immer schneller werdenden Frühjahr-, Sommer-, Herbst- und Winterkollektionswahn. Ihre Einzelstücke sind von diesen Trends unabhängig.

Wer etwas für sich finden will, braucht aber Zeit zum Stöbern. Neben Theaterroben für fast 1.500 Euro hängen bedruckte T-Shirt Kleinserien für 50 Euro. Auch "Alptraum"-Unterhosen mit Strass für 35 Euro oder umgestylte Trachtenjacken mit aufgelösten Nähten für 200 Euro finden sich. Typische Käuferinnen wie die 50-jährige Bonnerin, eine skandinavische Touristin oder junge Leute um die zwanzig, haben etwas gemeinsam: "Sie trauen sich bunte, gestylte Sachen zu tragen", behauptet Maren Lass.

Wer sich auch einmal wie König Hamlet fühlen will, kauft das weiße Hemd mit den Ärmeln bis zur Kniekehle. Es ist zusammengestückelt aus vielen weißen Polohemden. Auf der Berliner Volksbühne kam es als Kostüm zum Einsatz. Auch die Robe der "Königin" ist käuflich zu erwerben: Schauspielerin Katja Riemann trug die schöne beige, bestickte Korsage bei der Aufführung. Das auffällige Stück ist gut mit den langen bauschigen Röcken aus edlen Stoffen kombinierbar. Die aufwendige Verarbeitung und der teure Stoff fordern allerdings ihren Preis.

 
     
  Ursprung im Barock  
     
  Der Designladen bietet einen Blick auf die goldene Synagoge und den Alexanderplatz in Berlin Mitte. Von außen lassen die blauen und roten Blumen auf der Fassade eher ein Lifestylegeschäft vermuten. Doch der ehemalige Supermarkt wurde zum "Barock-Schloss". Der Innenarchitekt Oliver Oppert bemalte den Fußboden mit weißen Strichen: symbolische Einlegearbeiten - grau bemalte Ecken auf dem Boden deuten Räume an. Die Stangen aus Wasserrohr werden zu Stuckersatz; ein rundes Barock-Gemälde stellt die Umkleidekabine dar.

Abgetrennt durch einen Lattenzaun aus Holz ist der Arbeitsplatz der Modeleute: Ein paar Schneiderpuppen stehen dort vor einem barocken Großgemälde aus Stoff. Ein Holztisch mit Böcken darunter dient als Werkbank. "Früher starrten die Besucher immer auf unsere Entwürfe", sagt Martina. Heute liegen blaue Hemden auf dem Tisch. Ihre Nähte werden aufgetrennt und zu völlig neuen Schnitten verarbeitet.

 
     
  Kostümhistorie und moderne Shows  
     
  "Wir arbeiten für unsere Sachen immer an Themen", erklärt  Maren Lass. Dazu recherchiert das Team gründlich. Ursprung, Schnitttechnik und geschichtlicher Hintergrund werden bedacht. Das haben die drei Modedesigner in ihren Ausbildungen gelernt. Sie trafen sich in der Modeklasse bei Vivienne Westwood an der Hochschule der Künste in Berlin. Diese englische Modeprofessorin steht für Schnitte mit historischem Touch, die einen neuen Dreh für die Frau von heute bekommen. "Die Sachen bekommen mehr Tiefe durch die Recherche in der Kostümhistorie", betont Martina Fuchs. Frauen können sich über diese Kleidung selbst ausdrücken und ernst nehmen.

Der Erfolg gibt ihnen recht. Drei Theaterprojekte haben sie in den zwei Jahren gestaltet. Zehn Schaufenster bei KaDeWe erregten Aufsehen in der Berliner Modewelt. Das Goetheinstitut arbeitet zum vierten Mal mit ihnen zusammen für Shows, wie bei dem "Festival of Vision" in Hongkong. Dort gestalteten sie zusätzlich zu Kostümen für einen Marlene-Dietrich-Film auch einen Workshop mit Second Hand Mode. 18 Outfits in 14 Tagen schufen sie dort mit Menschen, die noch nie solche Materialien bearbeitet haben. Ein halbes Jahr Vorbereitung war vorausgegangen. Neben der Anerkennung gab es aber nur die Erstattung von Reisekosten und Material.  "Das war eine sehr schöne Sache", begeistert sich Maren dennoch.

Jetzt steht ein Projekt zum Thema "Israel" an. Was sie als Deutsche dazu machen wollen, ist noch nicht ganz klar. Vielleicht etwas zu Trachten? Das Dirndl und die Spreewälder Tracht gab es so vereinfacht wie heute vorher nicht. Gerne würden sie alle drei nur Themen Projekte machen. Ihre Neugier und ihre Sicht auf die Welt wollen die Werkmeister damit ausdrücken. "Das lässt sich aber nicht so verkaufen", bedauert Martina.

 
     
  Bunt und kollektiv  
     
  "Wir arbeiten schon sehr gern mit Farben", betont Martina Fuchs. Im Laden finden sich nur wenige schwarze Stücke. Sie stammen aus der Diplomarbeit von Hans Georg Kampe zum Thema "Trauerkleidung". Früher wollten sie gar keine schwarzen Kleidungsstücke herstellen. Doch dogmatisch sind sie längst nicht mehr. Dennoch: Die drei langweilen sich beim Anblick der Deutschen, die abends immer im "kleinen Schwarzen" ausgehen.

Auch sonst ist sich das Team oft einig. Das ist gut so, da sie bei Projekten immer eng zusammenarbeiten. Auch über ihren Kunstnamen "Werkmeister" und ihr Alter schweigt sich das Trio, alle so um die Dreißig, gerne aus. Problematisch ist derzeit ihre Arbeitsstruktur: Sie alle gehen nebenbei noch woanders arbeiten. Denn noch können sie nicht ausschließlich von ihren Projekten oder vom Verkauf ihrer Mode leben. Deshalb haben sie zwar Praktikanten, aber keine Schnittmeisterin.

Wer sich traut, kann sein Lieblingsstück vorbei bringen. "Wir designen sie gerne neu", lacht Maren. Individuelle Unikate sind der Lohn des eigenen Mutes." Bisher trennten sich jedoch nur wenige von ihren Lieblingstücken.

 

 
     
   
     
   

 

 
     
   
     
 
 
  13.03.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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