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Markt - Lifestyle, Finanzen, Kaufrausch
     
  Museum der Lust  
  Knisternde Erotik?  
     
  Maike Mattern  
     
  Trotz anhaltender Wirtschaftsflaute boomt das Geschäft rund um "die schönste Sache der Welt". Mittlerweile zählen auch immer mehr Frauen zu den Besuchern der sogenannten Erotikläden. Allerdings hat das, was sie dort vorfinden, mit Erotik nur wenig zu tun. Knallharter Sex dominiert. War das schon immer so? Im Berliner Beate Uhse Erotik-Museum finden sich Antworten.
 
     
  Sex sells  
     
  World of Sex, Dr. Müller Erotikladen, Beate Uhse Sex-Shop. Dazu jede Menge Videokabinen. Nur einen Steinwurf von Berlins Flaniermeile Kurfürstendamm entfernt, hat sich die sogenannte Erotikbranche etabliert. Für sechs Euro vier Filme sehen, ein echtes Schnäppchen. Doch welcher Mann hat schon so viel Stehvermögen?

Anscheinend mehr als frau vermuten dürfte. Das Geschäft brummt. In Jeans oder mit Anzug und Krawatte, einer gar mit Gehstock bewaffnet, eilen sie stracks  zu den engen Zellen -  zwecks körperlicher Erleichterung. Hier haben Frauen, außer auf der Leinwand, nichts zu suchen.

Um so mehr findet man sie gleich nebenan im Beate Uhse-Laden. "Was, Du willst da rein, Du bist doch noch gar nicht so alt!" Eher halbherzig versucht ein Mittdreißiger, seine Begleiterin vom Einkauf im Erotikshop abzuhalten.

Drinnen gibt es alles Mögliche, doch Erotik? Fehlanzeige! Grelles Licht und geschäftiges Treiben erinnern eher an die Atmosphäre in einem Discounter. Typisch, die Rollenverteilung der Geschlechter: Während frau sich vor allem für reizvolle Dessous interessiert, gehen die Herren ihrem Spieltrieb nach. Taxieren Dildos und sonstigen Schnickschnack, die eine Bereicherung des Sexuallebens versprechen. Fragt sich bloß, wessen? Weiter geht die Suche nach wirklicher Erotik. Vielleicht im angrenzenden Museum?

 
     
  Leiden für das Schönheitsideal  
     
  "Oh la la...!" Staunen und Bewunderung klingen in der weichen Stimme des jungen französischen Besuchers mit. Schummriges Licht empfängt den Besucher in der dritten Etage des Beate Uhse Erotik-Museums. Wände, Vorhänge, Teppiche, alle in Purpurrot, strahlen eine dezent erotische Atmosphäre aus.

Die japanischen und chinesischen Seidenmalereien aus dem 18. und 19. Jahrhundert sprechen eine andere Sprache. Knallharte Pornographie, im Mittelpunkt immer wieder fleischige Vulven und überdimensionale Penisse, die in weibliche Körper mit Puppengesichtern eindringen. Wie mag sich da Marilyn Monroe fühlen, die als lebensgroße Puppe für jeden Neuankömmling im Museum per automatischen Windstoß ihr Röckchen ein wenig lüften muss?

Doch die Sexbombe der 50er- und 60er-Jahre hat es noch gut getroffen. Winzige Lotos-Schuhe aus dem 19. Jahrhundert erzählen von den Qualen chinesischer Frauen. Ihre durch ständiges Bandagieren seit frühester Kindheit verkrüppelten Füße waren für chinesische Männer sexuell hochstimulierend, übertrafen den Reiz der Brüste. Da der Anblick eines nackten Lotos-Fußes als öbzön galt, wurden die nicht einmal zehn Zentimeter messenden Schuhe zu einem begehrten Fetisch.

Für fragliche Schönheitsideale mussten auch Frauen in Europa leiden. Für die begehrte Wespentaile zwangen sie sich in enge Korsetts. Beim Anblick der Korsagen kommt Dankbarkeit für die heute doch weitaus legerere Mode auf.

 
     
  Erotische Frauen  
     
  Blau dominiert eine Etage tiefer die Räumlichkeiten. Doch blauäuig sind „Die erotischten Frauen der Welt“  nicht, deren Abbilder Jürgen Grafe auf Leinwand gepinselt hat. Mehr oder weniger offenherzig lächeln Naddel, Cameron Diaz, Michelle Hunzinger oder auch Verona Feldbusch den Besuchern entgegen. Über ihre Schönheit -  von Gottes- oder Chirurgenhand -  lässt sich streiten. Zumindest haben diese "Persönlichkeiten" es verstanden, aus ihrem Aussehen Kapital zu schlagen.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt das Museum einem Gemälde mit dem bedeutungsvollen Namen "Der verstopfte Ofen". Heinrich Zille, der Karikaturist mit "Berliner Schnauze", hat es  geschaffen. Eine Frau, die mit entblößtem Hinterteil in die Röhre schaut, und ihr Maler – mit viel Liebe zum Detail wird die Szene aus der Jahrhundertwende nachgestellt. Kein bisschen öbzön, eher frivol-frech.

Heftige Emotionen hat ein Aktbild in seiner Heimat Frankreich ausgelöst, das in Berlin als Kopie zu bewundern ist: "Ursprung der Welt" vom französichen Realisten Gustave Courbet. Der liegende Frauentorso mit seinen leicht geöffneten Schenkeln; im Erotikmuseum nun wirklich kein Reizthema. Wie viel Sinnlichkeit in dem Meisterwerk steckt, weiß man erst am Ende des Rundgangs zu schätzen.

Dort empfängt die Ware Sex wieder den Besucher. Auf den Titelbildern der Hochglanzheftchen gewähren verheißungsvoll lächelnde Frauen "schamlos" tiefe Einblicke in ihre  Körperöffnungen. Männer zeigen ihr allzeit bereites "bestes Stück". Intimität und Phantasie haben hier keinen Platz. Da kann einem auf der Suche nach Erotik schon die Lust vergehen.

 
     
   
     
   
     
   
     
   
     
   
     
 
 
  14.03.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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