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Wir - Frauen, Leben, Karriere
     
   
  Frauentag  
  Alle Jahre wieder  
     
  Lucie Mai

In der DDR wurde er gefeiert. In Westdeutschland wurde er gefeiert. Und im Berlin der Nachwende-Zeit wird er heute ganz besonders gefeiert. Der 8. März. Frauentag. Gedanken zu einem aktuellen Feiertag.
 
   
  Der Fortschritt ist unaufhaltsam  
     
  Er ist wieder da, wieder hier, sagt der Kalender mir... Alle Jahre wieder kommt der Frauentag auf Berlin und woanders hernieder, doch was sagt er mir heute?
Fakten, Fakten, Fakten: Krieg droht an. Schon lange war die Arbeitslosigkeit in den europäischen Staaten nicht mehr so hoch wie jetzt. Seit dem 11. September wächst auch hierzulande die Lust an Zensur und staatlicher Folter. Aus der Geschichte lernen? Die Freiheit stirbt zuerst.

frauentagFrauen sind verschleiert. Oder und arbeitslos. Manche sind arbeitslos, weil sie verschleiert sind. Oft sind sie allein erziehend. Viele verhungern, sterben an AIDS oder sehen ihre Kinder sterben, hilflos und machtlos. Mütter lassen ihre Söhne in den Krieg ziehen und ihre Töchter in die Prostitution. Der übernächste Krieg wird um Wasser geführt, melden aufgeregt die Gazetten. Aber das ist eigentlich keine Neuigkeit mehr.

Frauen in Deutschland, soweit sie das Privileg haben das im Grundgesetz verankerte Recht auf Selbstentfaltung und Berufswahl auch auszuüben, sprich Erwerbsarbeit zu haben, verdienen im Schnitt bei gleicher Qualifikation 30 Prozent weniger als Männer. Wir schreiben das Jahr 2003.
 
     
  Alles Emanzipation oder was?  
     
  Sehr erfolgreiche Frauen gelten als dumm und zickig, siehe Verona Feldbusch, als Emanzen, siehe Alice Schwarzer, als Ausnahmeerscheinungen, siehe Madonna, als abgedrehte Intellektuelle, siehe Elfriede Jelinek, als spinnerte Esoterikerinnen, siehe Nina Hagen.

Luder werden die Frauen genannt, die mit erfolgreichen Männern vögeln, und darüber reden. Sie bedienen den Voyeurismus der Medien. Manche besetzen erfolgreich bedeutungslose Nischen, sind Objekt der Begierde oder Heilige. Nie dürfen sie beides sein. Sie stehen hinter dem erfolgreichem Mann oder dienen sich ihm an.

Manche sind Opfer, manche Mittäterinnen. Viele sind wohltätig, sammeln für Kinder und werden verehrt siehe Lady Di und Mutter Theresa. Viele sind einfach nur peinlich. Sportler dopen sich um bessere Leistung zu bringen. Frauen lassen sich Brüste vergrößern, verkleinern, Fett absaugen... Warum? Um zu gefallen, um sich anzupassen, Erwartungen zu bedienen?
 
     
  Kein Grund nicht zu feiern  
     
  Frauen demonstrieren gegen Krieg. Frauen haben ein Talent Lücken zu füllen. Frauen sind für das Emotionale zuständig. Frauen beherrschen die soft skills und die Kunst der Verführung. Frauen werden beschnitten oder mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Früher nannte man sie hysterisch. Heute sind Sie depressiv, borderlinig oder sexuell dysfunktionell, bestenfalls zickig.

Es ist Frauentag. Natürlich ist es kein gesetzlicher Feiertag. Frauen bekommen nicht frei. Im Fernsehen gibt es keine Frauenspecials. Stattdessen gibt es Blumen und nette Kleinigkeiten. Es gibt Reden, Demos, Feste.

Es gibt keinen Grund zum Feiern. Aber auch keinen Grund es nicht zu tun. Es ist ein Tag wie jeder Tag. Frauen lachen, weinen, lieben, arbeiten, sorgen sich, amüsieren sich, retten die Welt wie gestern, wie letztes Jahr, wie morgen.
 
     
   
     
   
     
   
     
   
     
   
     
 
 
   
  07.03.2003  
  © by dieberlinerin 2003  
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