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Wir - Frauen, Leben, Karriere
     
 

 
  Gründerinnenzentrum in Berlin Mitte  
  WeiberWirtschaftsWunder  
     
  Jürgen Veile

"Wenn eine Frau Karriere machen will, stößt sie oft an die gläserne Decke", weiß Dr. Katja von der Bey, Geschäftsführerin der WeiberWirtschaft. Diese Decke, unsichtbar, doch hart wie Beton, verhindert, dass Frauen in männerdominierten Hierarchien den Weg nach oben schaffen. "Viele unserer Mieterinnen haben sich selbständig gemacht, weil sie diese bittere Erfahrung machen mussten."

Auf dem Weg zur Existenzgründung müssen allerdings etliche Steine beiseite geräumt werden. So gleicht der Gang zu einem Kreditinstitut oftmals einem Spießrutenlauf...
 
   
  Mannsbilder und Männerbilder  
     
  GewerbehofWer als Frau zum Zweck einer Kreditvergabe eine deutsche Bank aufsucht, wird – wenn es ganz schlecht läuft - mit einer Aussage wie dieser konfrontiert: "Ach, Sie wollen eine Firma gründen..., ja ist denn auch Ihr Mann mitgekommen?" Es kann allerdings auch besser laufen: Dann wird die Kreditvergabe mit einer scheinbar "vernünftigen" Begründung abgelehnt. "Banken", weiß Katja von der Bey, "finden bei Bedarf immer einen Weg, Existenzgründerinnen zu diskriminieren."

Unter der Oberfläche einer scheinbar "emanzipierten" Gesellschaft wuchern zählebige Ressentiments. "Erfolg", sagt von der Bey, "ist männlich". Erfolg heißt: Männer in dunklen Anzügen. Im getäfelten Konferenzraum. Im Fond einer Daimler-Limo. Und Frauen prallen noch immer an gläserne Wände und gläserne Decken, wenn sie eindringen wollen in diesen hermetischen Kosmos der Manns- und Männerbilder. Das beantragte Darlehen wird nicht vergeben. Die Führungsposition wird mit einem Mann besetzt. Die Vorgesetzte wird von ihren Mitarbeitern subtil gemobbt. Gegen diese Art Männerwirtschaft wurde die WeiberWirtschaft gegründet.

 
     
  Frauen machen den Hof
 
     
  1987 nimmt in Berlin die Idee eines selbstverwalteten Gründerinnenzentrums Gestalt an. Einige Frauen gründen den Verein WeiberWirtschaft und bemühen sich darum, eine geeignete Gewerbeimmobilie zu erwerben. 1989 verwandelt sich der Verein in eine Genossenschaft und bezieht schon bald ein Büro. Der Senat unterstützt das Projekt mit einer Anschubfinanzierung. Im Oktober 1992 endlich der Durchbruch: In Berlin-Mitte erwirbt die WeiberWirtschaft den ehemaligen Gewerbekomplex des VEB Berlin-Kosmetik. Die Gebäude werden umgebaut und saniert. 1994 ziehen die ersten Mieterinnen ein.

"Heute haben sich auf dem Gelände rund 60 Projekte und Betriebe angesiedelt", sagt von der Bey, seit drei Jahren Geschäftsführerin der Weiberwirtschaft. Die Boutique Lösch bietet Topmodisches zum Anziehen. Gleich daneben findet sich das Erotikhaus La Luna - eher was fürs Ausziehen. Eine Versicherungsmaklerin, der deutsche Juristinnenbund, das Lesbenarchiv Spinnboden – sie haben bei der WeiberWirtschaft ihre Heimat gefunden. Der ehemalige VEB wurde zum frauenbewegten Muster-Hof, die WeiberWirtschaft zum größten Gründerinnenzentrum Europas.

 
     
  Hohe Schulden, große Solidarität  
     
  Wer die WeiberWirtschaft unterstützen will, tritt, wie etwa Bundesverbraucherministerin Renate Künast, der Genossenschaft bei und zeichnet einen Anteil über 103 EURO. "Renditen sind allerdings keine zu erwarten", gibt von der Bey zu. Wer zwei, fünf oder 50 Anteile zeichnen will, ist herzlich willkommen. Denn die WeiberWirtschaft sitzt auf einem Schuldenberg von 5,2 Millionen EURO. 1998, als in den Gebäuden Giftstoffe aus der Vorkriegszeit entdeckt wurden, war das Projekt sogar akut von der Insolvenz gefährdet. 500 Frauen aus der gesamten Republik zeichneten 2000 neue Anteile und ermöglichten die notwendige Altlastensanierung.

Heute liegt die Zahl der Genossenschaftlerinnen bei 1500. Von der Bey: "Viele von ihnen erhöhen kontinuierlich die Zahl ihrer Anteile. So wächst das Eigenkapital." Wer als Mann solidarisch sein möchte, muss einer Dame seines Vertrauens Geld für die Zeichnung neuer Anteile überweisen - oder eine Geschlechtsumwandlung in Erwägung ziehen. Denn laut Satzung können nur Frauen die Mitgliedschaft erwerben. Auf dem Gelände selbst arbeiten nur sechs oder sieben Männer.

 
     
  Transparenz statt gläserner Decke  
     
  "Wer sich auf dem Hof der WeiberWirtschaft einmietet", sagt Katja von der Bey, "ist meist zwischen 30 und 40 Jahre alt." Es sind Frauen, die bereits Berufserfahrung mitbringen. Frauen, von denen viele die "gläserne Decke" kennen. Frauen, deren Karriere man(n) ausgebremst hat. Wenn sie zur WeiberWirtschaft kommen wollen, analysieren Expertinnen ihren Businessplan und geben konstruktive Tipps. Dann entscheidet ein Gremium. Sollte die Antragsstellerin von einer Mieterin als Konkurrenz empfunden werden, kann diese ihr Veto einlegen.

Gelegentlich wird ein Antrag auch auf der politisch-ideologischen Ebene diskutiert. "Zwei Wissenschaftlerinnen, die von Schering kamen, wollten hier klinische Arzneimittelforschung betreiben. Das war umstritten." Schließlich durften sich die beiden Frauen doch auf dem Gewerbehof ansiedeln. Solche Diskussionsprozesse sind bei der WeiberWirtschaft Teil der basisdemokratischen Selbstverwaltung. Jede Mieterin ist Genossin. Jede Genossin hat bei der jährlichen Generalversammlung das gleiche Stimmrecht. Alle Entscheidungsprozesse sind nachvollziehbar. Echte Transparenz statt gläserner Decke.

 
     
  Kampf um eine Vision  
     
  "Als selbstverwaltete Genossenschaft finanzieren wir uns ausschließlich über unsere Mieteinnahmen", sagt Katja von der Bey. Das Projekt ist also finanziell autark - und deshalb auch nicht von der Entwicklung der Gesamtwirtschaft abgekoppelt. Viele Mieterinnen spüren derzeit die allgemeine Konsumzurückhaltung. Von der Bey sieht trotzdem positive Tendenzen: "Die Politik hat angekündigt, den Anteil weiblicher Existenzgründer in Berlin von derzeit 30 auf 40 Prozent zu steigern." Für die WeiberWirtschaft ist dies ein wichtiges Signal, das in die Zukunft weist. Zunächst aber stehen noch andere Projekte auf der Tagesordnung. Die zwölf Gründerinnenzentren in Deutschland - nur die WeiberWirtschaft ist als Genossenschaft organisiert - werden die Zusammenarbeit intensivieren: Eine Bundesgeschäftsstelle soll entstehen, der Know-how-Transfer verbessert werden. Und die ideelle und finanzielle Solidarität der Genossinnen, deren Engagement das visionäre Projekt ermöglicht, ist noch immer groß. Der Erfolg des WeiberWirtschaftsWunders wird von ihnen Tag für Tag neu erkämpft.  
     
   
     
 
 
   
  26.02.2003  
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